Der Islam dient als Projektionsfläche und Katalysator der Entzivilisierung


Bild: Reuters
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Wie entgeht man dem Konflikt zwischen antirassistisch „begründeten Ängsten“ und rassistisch „begründeten Ängsten“?

Von Paulette Gensler|TELEPOLIS

Sicher, etwas Distanz zum Geschehen – und dazu gehört nun einmal auch die zeitliche – ist besser als vorschnelles, meist verzerrendes Livegeticker. Das gebietet schon die journalistische Sorgfaltspflicht. Jene relativierende Reaktionen hingegen, die momentan einsetzen, verdoppeln jedoch das Grauen dieser Silvesternacht.

Zahlreiche Feministinnen beispielsweise gehen auf die Barrikaden und bemängeln prinzipiell zu Recht, dass jene Taten, welche nun die Massen erregen, von ihnen schon seit Ewigkeiten kritisiert werden würden und auf dem Oktoberfest oder Karneval solche Taten zum Alltag gehören – eine gewiss unbestreitbare Tatsache, deren Auftauchen jedoch genau zum jetzigen Zeitpunkt etwas verdächtig ist. Auch die Angst, dass Rassisten die Meldungen über die Herkunft der vermeintlichen Täter für ihre Hetze instrumentalisieren könnten, ist irgendwie verständlich. Diesen Bedenken nun mit Relativierungen zu begegnen, wäre jedoch eine Kapitulation vor eben jenen Rechtspopulisten wie auch dem gewalttätigen Mob gleichermaßen.

Es dürfte sich in der letzten Zeit zur Genüge gezeigt haben, dass mit sachlichen Argumenten nicht anzukommen ist gegen Leute, die schon nicht mehr sicher sind, ob es vielleicht doch stimmen könnte, dass ein Flüchtling tatsächlich ein Kind lebendig verspeist hat, für die die viel verschriene Lügenpresse zum Qualitätsmedium wird, wenn sie etwas berichtet, dass auf irgendeine Weise der eigenen Gesinnung dienlich sein könnte oder die meinetwegen situativ zu Feministen werden.

„Recht auf Strafe“

In der taz kritisiert nun Daniel Bax die Nennung der Herkunft der Täter und beruft sich dabei auf den Pressekodex, in dem es unter Ziffer 12 heißt: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ Unterstellt wird dabei, dass der Bezug per se nicht gegeben sein könne.

Und doch haben diese Angriffe – trotz unzähliger Vergewaltigungen, sexueller Nötigungen und sonstiger Scheußlichkeiten, zu denen es immer noch kommt – eine neue Qualität. Es ist das Faktum der Öffentlichkeit, wodurch der von Alice Schwarzer bemühte Vergleich mit dem Tahrir-Platz durchaus seine Wahrheit bezieht. Die öffentlichen (versuchten) Gruppenvergewaltigungen bzw. -nötigungen haben eine Bedeutung, die über das Strafrechtliche hinausweisen, denn in der Dreistigkeit jener Taten manifestiert sich ein Gegensouverän, der nicht mal mehr das Private sucht, um seine Gewalt auszuüben.

So wenig alle der tausend anwesenden Männer an den Taten beteiligt gewesen sind, wurde hier doch ein Raum geschaffen, in dem die Verbrechen erfolgen konnten und wodurch Ermittlungen auch im Nachhinein sehr erschwert werden. Gerade Letzteres dürfte auch für die Geschädigten, welche Anzeige erstatteten, von großer Bedeutung sein. Wobei die beständigen Verweise auf die „Opfer“, denen man nun auch in der Berichterstattung gerecht zu werden habe, einigermaßen absurd ist. Dies suggeriert, dass man den Frauen nun öffentlich eine scheinbar verlorene Ehre zurückzugeben habe.

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