Ein Jahr nach „Charlie Hebdo“: Gott hat sie nicht getötet


 Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. (Foto: Charlie Hebdo/AFP)
Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. (Foto: Charlie Hebdo/AFP)

Es ist ein Denkfehler der Trauernden um Charlie Hebdo, dass antirepublikanisch ist, wer noch etwas mit Religion zu tun haben will. Eine Gegenrede.

Von Philipp Gessler|taz.de

Darf man trauernden Menschen sagen, dass sie Quatsch erzählen? Gebietet es nicht der Respekt vor ihnen und ihrem Schmerz, der Anstand, ja die Menschlichkeit, dass man schweigt und nur in sich hinein spricht: Aber das stimmt doch nicht, was die da sagen?

Der Terroranschlag auf Charlie Hebdo, das ist richtig, war ein Angriff auf die Werte des Westens, die – so viel Selbstbewusstsein muss sein – die Werte der ganzen Welt sein sollten: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Religionsfreiheit, also die Freiheit zu glauben, was man will – oder eben gar nichts zu glauben. Das ist Teil der Aufklärung für alle, Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, um Kant zu zitieren.

Man kann dies als republikanische Werte benennen. Dies bedeutet aber nicht, und das ist der Denkfehler der trauernden Kolleginnen und Kollegen von Charlie Hebdo, dass deshalb schon antirepublikanisch ist, wer doch noch etwas mit Religion zu tun haben will oder gläubig ist. Dies bedeutet auch nicht, dass die Religion das eigentliche Problem der Anschläge war, wie die Charlie-Hebdo-Journalistinnen und -Journalisten in ihrem Titelbild der Ausgabe zum Jahrestag der Anschläge unterstellen. Denn das zeigt Gott mit einer Kalaschnikow und blutigen Händen auf der Flucht, dazu die Überschrift: „Ein Jahr danach – der Mörder läuft noch immer frei umher.“

weiterlesen