Religionskritik ist immer noch nötig


Frieder Otto Wolf: Die kritische Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen, religiösen und nichtreligiösen, bleibt eine Kernaufgabe. Bild: HVD
Frieder Otto Wolf: Humanistinnen und Humanisten müssen Tendenzen, die freiheitliche und offene Gesellschaft gesetzlich oder medial zu erodieren, entschieden Widerstand leisten.

Humanistischer Verband Deutschlands

Der Präsident des Humanistischen Verbandes spricht im Interview über die heutige Relevanz von humanistischer Religionskritik sowie seine Sicht auf Schwerpunkte bei der Arbeit an aktuellen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

Vor zehn Jahren ist das wohl erfolgreichste religionskritische Buch der letzten Jahrzehnte, „Der Gotteswahn“ von dem britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins, erschienen. Die kritische Auseinandersetzung mit Religionen bildet eine der Traditionslinien unseres Humanismus-Verständnisses, obgleich sie nicht die wichtigste unter den vielen anderen ist. Trotzdem bietet solch ein Jubiläum die Gelegenheit, über einige darauf bezogene Fragen zu diskutieren: Welche gesellschaftliche, kulturelle oder politische Relevanz hat Religionskritik derzeit aus humanistischer Perspektive? Wie aktuell ist Religionskritik à la Dawkins‘ „Gotteswahn“? Zieht Säkularisierung stets unmittelbar Humanisierung nach sich?

Frieder Otto Wolf: Für einen reflektierten und der eigenen keineswegs widerspruchsfreien Geschichte bewussten Humanismus bleibt die kritische Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen – darunter auch denen, die auf unterschiedliche Weise „religiös“ sind – eine Kernaufgabe. Denn nur in der Auseinandersetzung mit den Fragen und Thesen anderer kann es uns gelingen, uns selber darüber klar zu werden, was wir wirklich als sinnvoll und tragfähig in der Orientierung unserer Lebenspraxis ansehen. Außerdem hat hierfür die Kritik an den jeweiligen etablierten Religionen, die auf unterschiedliche Weise den Versuch machen, das Denken der Menschen zu reglementieren und Andersdenkende auszugrenzen und zu verfolgen, immer noch eine zentrale Bedeutung. Hier in Deutschland muss das selbstverständlich immer noch die Kritik an Privilegien der christlichen Kirchen miteinschließen, etwa im Bereich des Arbeitsrechts, der bevorzugten Einbindung durch Politik und Medien oder auch bei der Kirchensteuer.

Dawkins‘ Kritik an dem Grundgedanken des Monotheismus ist hier allerdings nur begrenzt hilfreich: Einerseits rennt er offene Türen ein – welcher gebildete Europäer behauptet denn etwa noch allen Ernstes, es gäbe wissenschaftliche Grundlagen für die theologische Konzeption des Monotheismus? Andererseits geht er an dem Phänomen der Religionen weitestgehend vorbei: Bei aller Unterschiedlichkeit – seriöse Religionswissenschaftler halten es inzwischen für unmöglich, einen allgemeinen Begriff der Religion zu formulieren – dürfte es auch keine Religion geben, für die das in ihr vermittelte „Weltbild“, und zwar als eine wissenschaftlich bestandsfähige Beschreibung der Welt, in der wir leben, wirklich von zentraler Bedeutung ist.

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1 Comment

  1. Religionskritik ist so lange nötig , so lange es Religionen gibt.
    (Wie friedlich wäre das Leben auf diesem Planeten, wenn es dieses Hirngespinst „Religion“ nie gegeben hätte ?)

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