Hüter der Aufklärung


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In Gestalt des Islam kehrt die Religion ins säkularisierte Europa zurück. Für Christen ist das eine völlig neue Herausforderung. Braucht die katholische Kirche wieder ein Konzil, um sich auf die neue Zeit vorzubereiten?

Von Tomas Halik|Süddeutsche.de

Die Welt erlebt eine Wiederkehr der Religion. Die Zivilisationswende setzte nach der Kulturrevolution der 1960er-Jahre ein. Dabei handelt es sich nicht um eine einfache Rückkehr zu früheren Formen, über die sich die traditionellen Institutionen freuen könnten. Die neuen Äußerungen der Religion machen sie im Gegenteil bestürzt, nicht minder die Bekenner der Säkularkultur. Die „Wiederkehr des Verdrängten“ – wie aus der Psychoanalyse bekannt- ist keine „ewige Wiederkehr desselben“, sondern eine Umwandlung dessen, was unterbunden war.

Inwieweit sind die Christen darauf vorbereitet? Das Zweite Vatikanische Konzil 1962 bis 1965 hat die Kirche auf das Leben in der aus dem Aufklärungshumanismus hervorgegangenen säkularen Gesellschaft eingestellt. Es bleibt die Frage, ob diese Reform nicht zu spät kam und ob sie die Kirche auch auf die unerwartete Wiederkehr der Religion und das Leben in der globalen postsäkularen Gesellschaft vorbereitet hat. Wird nicht bald ein drittes Vatikanisches Konzil gebraucht? Oder das erste ökumenische lateinamerikanische, afrikanische oder asiatische?

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2 Comments

  1. Nachtrag:

    In der Behauptung, der Katholizismus sei besonders prädestiniert, den Islam zu verstehen, steckt eine erhellende Wahrheit. In der Tat. Und das liegt in dem totalitären Anspruch beider Religionen begründet, ebenso wie in ihrer Fixierung auf Rituale, heilige Orte und Objekte. Beide Male Gottesstaat ohne Trennung von Recht und Moral, beide Male Intoleranz, sobald man nur die Macht dazu hat, beide Male Fortpflanzungskult, beide Male die dienende Rolle der Frau, und so geht es immer weiter.

    Die Behauptung, der Atheismus sei „ein ungewolltes Kind“ des Glaubens, verrät ebenfalls die Katholiken-typische Überheblichkeit. Atheismus gab es vor dem und unabhängig vom Christentum. Aber wir wissen ja: ohne Christentum gäbe es keine Gesellschaft, keine Moral, keine Wissenschaft, keine Musik, keine Kunst, keine Literatur, keine Philosophie, eigentlich rein gar nichts. Und so dürfen Atheisten froh sein, als ungewollte Kinder toleriert zu werden. War es so gemeint, Herr Theologe, oder war es nur einfaches Geschwurbel nach Art autonomer Sprachgeneratoren?

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  2. Ein typisches Produkt katholischer Selbstüberschätzung, von einem Opportunistenblatt wie der SZ gerne aufgegriffen. Man möchte die Entwicklungen ausnutzen, um wieder eine zentrale, dirigierende Rolle zu bekommen.

    (a) Die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist in diesem Zusammenhang Humbug. Die in der weltweiten überwältigenden Majorität des Islam geschätzten Gesellschaftmodelle und Wertsysteme sind mit dem Konzept einer toleranten Zivilgesellschaft und universeller gleicher Menschenrechte nicht vereinbar, dazu braucht es keinen „Islamismus“. So wurde gerade in Pakistan ein Gesetz gegen Kinderehen abgelehnt, und die Religionsbehörde dekretierte, dass dem Islam zufolge Ehen ab dem 9. Lebensjahr des Mädchens zulässig seien. Das ist Standard-Islam und nicht Islamismus. Natürlich darf die Phrase „Islamophobe“ im Text des Herrn Theologen nicht fehlen. Weltweit ist, verglichen mit den Zuständen vor 30 Jahren, keine positive innere Entwicklung im Islam zu erkennen, im Gegenteil, und Reformer stehen mehr als ja im Abseits.

    (b) Dass die „postmoderne Philosophie“ sich zunehmend wieder der Religion zuwende, hat mit der spezifischen Beliebigkeit und Gehaltlosigkeit dieser Philosophie zu tun. Das ist also keine Gütezeichen. Andere haben bereits bemerkt, die eigentlichen Gewinner der postmodernen Angriffe auf die Vernunft seien die Obskurantisten aller Art. Dem ist so. In der ernsthaften, nicht-fabulantischen Philosophie jedoch, die im akademischen Bereich vorherrscht, ist eine solche „Rückwendung“ nicht zu beobachten. Es handelt sich um Wunschdenken des Herrn Theologen. Dass man seine Schäfchen damit zu beeindrucken sucht, die „säkulare Philosophie“ suche nach dem Gott, den man selbst schon hat, ist klar, zumal die Schäfchen in der Regel alles fressen, was man ihnen vorwirft, weil es ihnen an Willen und Kompetenz mangelt, die Richtigkeit der Behauptungen zur prüfen.

    (c) Dass diejenigen, die ein Bedürfnis nach Spiritualität haben, sich ausgerechnet von dem altorientalischen Zinnober der abrahamitischen Religionen werden einfangen lassen, scheint mir wenig wahrscheinlich, zumal viele diese vorher verlassen haben. Auch ist die Behauptung, die katholische Kirche, und nur sie, „verstehe“ die Atheisten, dummes Geschwätz. Die katholischen Räsoneure sehen die Sache immer aus ihrer Perspektive, dergestalt, dass den Atheisten etwas fehle, dass diese auf der Suche nach der Religion seien usw., und haben kein Sensorium dafür, wie abwegig das ist. Sie können sich nicht vorstellen, dass nicht an supranaturale Akteure zu glauben neue Denkräume eröffnet, statt auf eine Lücke zu weisen. Schließlich sind wir auch nicht zeitlebens auf der Suche nach dem Osterhasen, an den wir als Kinder einmal voller Hoffnung und Glück geglaubt haben. Spiritualität und Mystik haben, in einem sehr abstrakten, indirekten Sinn, heute eher ihre Heimat in der hochkarätigen Wissenschaft und deren wunderbaren Entdeckungen. Um das zu verstehen, muss man allerdings substanziell etwas davon verstehen. Es reicht nicht, Theologe zu sein.

    Kurzum: Gehobenes Standard-Gefasel.

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