In der Philosophie ist die Postmoderne längst Schnee von gestern


Kurt Bayertz. Bild: Uni Münster
Kurt Bayertz (geb. 1948) ist Professor für Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. In der Vergangenheit veröffentlichte er unter anderem zu den Themen Bioethik, Verantwortung, Solidarität und Eugenik. Sein Buch „Der aufrechte Gang – Eine Geschichte des anthropologischen Denkens“ wurde 2013 mit dem Tractatus-Preis für philosophische Essayistik ausgezeichnet. Im Gespräch mit Reinhard Jellen zeigt er sich der Auffassung, dass sich das philosophische Denken nach dem Rückgang von Weltfremdheiten aus der klassische Metaphysik zu anderen neuen Weltfremdheiten verleiten ließ.

Von Reinhard Jellen|TELEPOLIS

Herr Bayertz: Joseph Vogl hat in dieser Gesprächsreihe Philosophie und Wissenschaft als „zwei getrennte Kontinente“ bezeichnet. Existiert zwischen Wissenschaft und Philosophie aber nicht doch eine Verbindungslinie – und wenn ja, wie bestimmt sich diese näher?

Kurt Bayertz: Bei dieser Analogie hängt alles davon ab, wie wir sie verstehen. Denken wir an zwei Erdteile wie Europa und Asien, so sind diese insofern „getrennt“, als wir kein Problem damit haben, sie voneinander zu unterscheiden: Wenn wir auf die Landkarte sehen, liegt Madrid woanders als Tokio oder Peking. Insofern handelt es sich in der Tat um zwei separate Kontinente.

Wenn wir aber ins Detail gehen und beispielsweise fragen, wo am Ural zentimetergenau Europa endet und Asien beginnt, kommen wir in Schwierigkeiten. Denn es gibt Orte, die zum Teil in Europa und zum anderen in Asien liegen. Und natürlich leben dort Menschen, die ständig über die Grenze gehen.

Hinzu kommt, dass man von Madrid nach Peking mit dem Flugzeug, per Schiff oder sogar mit dem Auto reisen kann, dass es also einen regen Verkehr zwischen den Erdteilen gibt. Auch werden Waren von Europa nach Asien exportiert und umgekehrt importiert. Das heißt, selbst wenn es separate Kontinente sind, findet eine ganze Menge Austausch zwischen beiden statt. Sofern wir die Analogie in diesem Sinne verstehen, habe ich kein Problem mit ihr.

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