Für Europa ist Deutschland ein moralischer Parvenü


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Dass die Deutschen den Hang zum moralischen Größenwahn haben, wussten schon die großen Soziologen – von Max Weber über Norbert Elias bis Helmuth Plessner. Wie kommen wir aus der Exaltiertheit heraus?

Von Wolf Lepenies|DIE WELT

Es wird Zeit, die klassischen Texte der Soziologie wieder zu lesen. Sie spiegeln ihren Entstehungszusammenhang wider – und wirken zugleich, als seien sie mit Blick auf die Gegenwart geschrieben. Max Webers Vortrag „Politik als Beruf“ durchzittert der Schock des verlorenen Ersten Weltkriegs, Helmuth Plessner ahnt Mitte der Zwanzigerjahre das Schicksal der Weimarer Republik voraus und im „Prozess der Zivilisation“ entwirft Norbert Elias am Beginn des Zweiten Weltkriegs ein Gegenbild zum unvorstellbaren Zivilisationsbruch der Nazis.

Und doch wirken Max Webers Zurückschrecken vor den fatalen Folgen schrankenloser Gesinnungsethik, Helmuth Plessners Warnung vor der „tragischen Verwechslung von Gemeinschaftsmoral und Politik“ sowie die Mahnung von Norbert Elias, deutsche „Kultur“ nicht gegen westliche „Zivilisation“ auszuspielen, in der gegenwärtigen Politikkrise aktuell.

Die Lektüre der „Klassiker“ liefert der Politik keine Rezepte. Sie kann aber helfen, Haltungen zu korrigieren und Einstellungen zu überprüfen, die einer Realpolitik im Wege stehen.

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