Judentum: „Es gibt No-go-Areas“


© Bild: Andreas Gregor
Am heutigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus spricht Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Landtag von Sachsen – dem Bundesland, in dem Pegida und die AfD besonders stark sind. Im Interview mit katholisch.de spricht Knobloch über das Holocaust-Gedenken, Antisemitismus unter Deutschen und Migranten sowie die Gefahr durch Pegida.

Von Gudrun Lux|katholisch.de

Frage: Frau Knobloch, der 27. Januar ist auch 71 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ein schmerzlicher Gedenktag. Sehen Sie diesen Tag aktuell in Deutschland genug gewürdigt?

Knobloch: Zunächst hat das Gedenken vor allem in den einzelnen jüdischen Gemeinden stattgefunden – obgleich der 27. Januar eigentlich nicht der Gedenktag für die jüdischen Gemeinden ist. Das ist der Jom Haschoa. Der 27. Januar ist der Gedenktag, den sich die Gesamtgesellschaft zur Aufgabe gemacht hat. Ich war nach diesen Anfängen sehr überrascht und bin heute fast euphorisch: Ich finde, dieser Tag hat sich – auch über Deutschland hinaus – sehr etabliert. Auch die Vereinten Nationen spielen da eine wichtige Rolle, sie haben den 27. Januar ja 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt.

Frage: Wie schätzen Sie allgemein die Erinnerungskultur an die Opfer der Shoa in Deutschland ein?

Knobloch: Ich habe den Eindruck, dass es insgesamt kaum Routineveranstaltungen sind, sondern wirklich Veranstaltungen, die Menschen bewegen. Vorhin war ich in einer Schule zu Gast, und es berührt mich, wie interessiert und einfühlsam die jungen Menschen fragen. Diese Schule hat den 27. Januar zum Anlass genommen, sich mit dem Judentum in Deutschland zu beschäftigen. Und da gibt es ja nicht nur den Holocaust, sondern auch die Zeit davor, als in Politik, Wissenschaft, Kunst, Kultur und Wirtschaft jüdische Menschen eine große Rolle gespielt haben und sich auch für das Land Deutschland verantwortlich sahen. Das gerät durch die furchtbare Geschichte oft in den Hintergrund. Ich empfehle sehr, das jüdische Leben in Deutschland in seiner Gesamtheit zu betrachten und nicht auf den Holocaust zu reduzieren.

weiterlesen