„Mein Kampf“-Edition: Für massenwirksam hielt er nur das gesprochene Wort


© Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv Heinrich Hoffmann Von der NS-Propaganda nicht freigegeben: Hitler in Lederhose (1927)
Ein Mann erfindet sich selbst: Die kritische Edition von „Mein Kampf“ widerlegt eindrucksvoll die Ansicht, dass über Hitlers Werdegang schon alles gesagt sei.

Von Wolfram Pyta|Frankfurter Allgemeine

„Mein Kampf“ ist eine Schrift, die mit Bedeutungen aufgeladen wird, welche einer nüchternen Prüfung des Textes nicht standhalten. Dies liegt vor allem daran, dass das Buch zur Chiffre der Verbrechen geworden ist, die sein Autor zu verantworten hat. Dadurch erhält es das Ansehen einer Bekenntnisschrift, deren Verfasser seine grenzenlose Menschenverachtung und seinen brutalen Vernichtungswillen austobt. Was dann wiederum zur Auffassung führt, man könne es auch siebzig Jahre nach dem Ableben Hitlers nicht verantworten, diesem Autor ein Forum zu bieten für seine Ankündigung der Judenvernichtung.

Dabei haben namhafte Vertreter der Geschichtswissenschaft schon seit Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass „Mein Kampf“ in dieser Hinsicht überfrachtet wird: Wer in dieser Schrift einen „Masterplan“ zur Judenvernichtung sucht, wird nicht fündig werden, da der Autor sich davor hütete, solche Absichten auszubreiten. Hitler wollte in der Gefängnishaft sein politisches Comeback vorbereiten, und dazu erschien es ihm ratsam, eine Schrift zu verfassen, mit deren Hilfe er auch als Theoretiker der völkischen Bewegung ernst genommen werden konnte.

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