Philosoph Sloterdijk lobt Grenze und Nationalstaat


Ungarischer Grenzzaun als Vorbild 2015. Bild: Bőr Benedek/CC-BY-SA-2.0
Die Regierung habe Deutschland der „Überrollung preisgegeben“: Sloterdijk grenzt sich wenig überzeugend vom „AfD-Ideen-Müll“ ab

Von Florian Rötzer|TELEPOLIS

Wir brauchen Grenzen, möglichst dichte, um die „Invasoren“, die sich als Flüchtlinge geben abzuwehren. Bislang hatte sich Frauke Petry von der AfD noch geziert, was das Hochziehen von Grenzen zur Flüchtlingsabwehr bedeutet. Jetzt sagte die muntere AfD-Chefin aus Ostdeutschland dem Mannheimer Morgen, man müsse mehr Polizisten einsetzen und „Grenzsicherungsanlagen“ aufbauen, so hoch wie in den spanischen Enklaven. Sie will das Wort Zaun vermeiden, in Melilla und Ceuta ist der Zaun aus messerscharfem „Nato-Draht“ sieben Meter hoch. Mitunter verbluten Flüchtlinge an ihren Wunden.

Wenn jemand die Grenze übertritt, dann muss ein Polizist nach Petry notfalls von der Waffe Gebrauch machen: „Er muss den illegalen Grenzübertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz.“ Dafür wurde Petry kritisiert, obgleich sie nur die Konsequenz der neuen Grenzzieher beim Namen nannte. Jörg Radek, der Vizevorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, erklärte: „Kein deutscher Polizist würde auf Flüchtlinge schießen.“ Wer ein solches radikales Vorgehen vorschlage, wolle offenbar den Rechtsstaat aushebeln und die Polizei instrumentalisieren. In die Grenzzieher hat sich nun auch Deutschlands Meisterphilosoph Peter Sloterdijk eingereiht, er ist aber, auch dank der Journalisten, die ihn befragen durften, im Nebulösen verblieben.

Die Positionierungen im alles beherrschenden Flüchtlings- und Grenzstreit werden allmählich deutlicher. Mittlerweile nehmen sich auch manche Intellektuelle des Themas an, das alles andere verdrängt. So warf gerade der Philosoph Peter Sloterdijk in einem Gespräch mit der Zeitschrift Cicero der Regierung vor, Deutschland „in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben“ zu haben: „Diese Abdankung geht Tag und Nacht weiter.“ Das verbindet er mit „Selbstzerstörung“ des Nationalstaats. Um dann noch „phobokratisch“, wie man es mit ihm nennen könnte, nachzuschieben: „Bis zum Ende unseres kurzen Gesprächs werden tausend Flüchtlinge mehr die Grenze überschritten haben.“ Wenn man von veröffentlichten Zahlen ausgeht, nach denen im Januar pro Tag durchschnittlich 2500 Migranten eingereist sind, dann hätte das „kurze Gespräch“ fast 10 Stunden dauern müssen.

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1 Comment

  1. Man mag zu den Aussagen von Herrn Sloterdijk stehen wie man will, der Kommentar von Herrn Rötzer ist aber ein Musterbeispiel von Unterstellung und Suggestion und illustriert wunderbar einen ideologisch gesteuerten Umgang mit Problemen. „Links“ sein heißt offenbar über eine besondere Fähigkeit und Dreistigkeit verfügen, sich und anderen in die Tasche zu lügen und dabei öffentlich moralisch selbst zu befriedigen. Dazu gehören auch die Parallelen zu Carl Schmitt, die Herr Rötzer zieht. Sloterdijk möchte doch offenbar gerade nicht den Ausnahmezustand. Ihm liegt vielmehr daran, die Zivilgesellschaft und den inneren Frieden zu verteidigen und bewahren, die multipel gefährdet sind.

    Muss man erst anführen, dass die Qualifizierten eine Minorität weit unter 5% sind, dass die große Mehrheit allenfalls Bildung auf Grundschulniveau aufweist, dass die Zahl gering qualifizierter Arbeitsplätze limitiert ist und eher abnehmen als zunehmen wird, dass von den Migranten genau die Unqualifizierten am ehesten bleiben werden, da die Situation sich für sie besser als in ihren Heimatländern darstellt, dass die Sozialkassen in Zukunft dauerhaft und millionenfach belastet werden von Personen, die nie in sie eingezahlt haben und nie einzahlen werden, dass dies in Anbetracht der zu erwartenden Altersarmut eines großen Teils der hiesigen Bevölkerung etc. nur in massive Konflikte führen kann, dass es vor allem ganz klare kulturelle Inkompatibilitäten gibt, insbesondere, aber nicht nur, im Umgang mit Frauen und Andersdenkenden, dass eine Zahl von 1 Mio. alleinstehender junger Männer unweigerlich weitere Probleme wie eine Verunsicherung des öffentlichen Raumes hervorrufen wird, dass die massenhaft zu erwartenden sozialen und wirtschaftlichen Status-Verlierer das typische Rekrutierungsfeld des religiösen Fanatismus darstellen, dass die „Integration“, sofern man damit eine Akzeptanz zentraler Aspekte der hiesigen Lebensform meint, doch jetzt schon über weite Strecken gescheitert ist und, wie die Erfahrungen in anderen Ländern zeigen, weiter und zunehmend scheitern wird, dass man dies nicht mit Wollen und Wünschen und Kursen und Faltblättchen meistert, zumal die Migranten zumeist in einem rigiden System fest sozialisierte Erwachsene sind, dass die Erfahrungen solcher, die in der Integration tätig sind (ich kenne solche, Herr Rötzer wohl nicht), nicht darauf hinweisen, dass man sich danach reißt, nicht einmal nach Sprachkursen, bei denen gerade junge Männer gerne durch Abwesenheit glänzen?

    Alles komplett bereits in der Vergangenheit und ebenso für die Zukunft absehbar. Sofern man nicht vernagelt ist. Nichts davon findet sich bei Herrn Rötzer. Statt dessen die Drohung mit PEGIDA etc. Dies illustriert auch die Nähe linken Denkens zum Religiösen, Sektenhaften. Attribute statt Argumente. Antichrist, Ketzer usw. Nicht einmal der Gedanke, dass ein Schließen der Grenzen eine Verschnaufpause schafft, um mit den vorhandenen Problemen zurechtzukommen und für die Zukunft eine vernünftige Strategie zu entwickeln. Komisch, dass sich so gut wie alle anderen Länder Europas anders als Deutschland verhalten. Oder soll wieder einmal am deutschen Wesen die Welt genesen?

    Und wenn Sloterdijk besonders auf die kulturelle Inkompatibilität und die nach aller Erfahrung zu erwartenden Konflikte verweist, was sollte daran falsch sein? Hat Herr Rötzer beispielsweise einmal die „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ und die UN-Menschenrechtscharta miteinander verglichen? Wäre doch sinnvoll, denn darin sind die Wertesysteme dargelegt, unter denen die ganz große Zahl Migranten sozialisiert wurden, gleich ob sie stark religiös sind oder nicht, und die sie hierhin transferieren und auch umso sicherer implementieren werden, je mehr eloquente Schönredner und kleine Demagogen der Sorte Rötzer es gibt.

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