Wissenschaftliche Artikel: Kampf um Aufmerksamkeit


Abstracts, die jedem wissenschaftlichen Zeitschriftenartikel vorangestellten Kurzzusammenfassungen, sind der Appetithappen, der Herausgeber, Gutachter und Leser davon überzeugen soll, dass der beworbene Artikel wahrhaft Neues und im besten Fall Außergewöhnliches berichtet. Eine Untersuchung von Christiaan Vinkers, Joeri Tijdink und Willem Otte zeigt, wie der Anteil unverhältnismäßig oder übertrieben positiv konnotierter Adjektive in Abstracts und Titeln wissenschaftlicher Publikationen rapide zugenommen hat.

Von Ulrich Herb|TELEPOLIS

Für die Studie werteten die Forscher Abstracts und Titel aller zwischen 1974 und 2014 in der Datenbank PubMed indizierten Publikationen aus. Für diese Kurzfassungen erhoben sie, wie sich darin das Vorkommen von je 25 positiven, negativen oder neutralen Adjektiven über die Zeit wandelte. Um sicher zu gehen, dass etwaige Unterschiede im Auftauchen der Worte nicht durch einen allgemein geänderten Sprachgebrauch verursacht wurden, sondern dezidiert auf eine sich wandelnde Wortwahl der Wissenschaftler verweisen, wurden die ermittelten Werte mit einer Vokabularstichprobe aus 4% aller zwischen 1975 und 2009 publizierten und in Google Books indizierten Bücher abgeglichen.

Das Vorkommen der positiv wertenden Adjektive stieg dabei absolut um 2% von 1974 bis 1980 und gar um 17,5% von 1974 bis 2014, sprich relativ um 880% innerhalb von 40 Jahren. Am stärksten wuchs die Verwendung der Worte „robust“, „novel“, „innovative“ und „unprecedented“ – und zwar relativ um 15.000%. Die Wissenschaftler extrapolierten auch die Wahrscheinlichkeiten für das zukünftige Vorkommen der Worte und ermittelten, dass – sofern die Entwicklungen den bisherigen Mustern folgten – im Jahr 2123 der Begriff „robust“ in schlichtweg jedem Abstract auftauchen würde.

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