Evolutionsbiologie: „Versteckte Architektur des Lebens“


Für den Wissenschaftler steht fest: Das Ei war zuerst da. Foto: imago/UIG
Der Evolutionsbiologe Andreas Wagner erklärt im Interview, ob die Henne oder das Ei zuerst da war und warum er Gott eher in der Mathematik als in der Natur suchen würde.

Von Frederik Jötten|Frankfurter Rundschau

Bislang blieb ein Rätsel der Evolutionstheorie ungelöst: Ist wirklich nur zufällige Mutation die Ursache von Flügeln, Facettenaugen, Photosynthese und des ganzen Reichtums der Arten? Der Evolutionsbiologe Andreas Wagner sagt: Nein. Er hat Gesetze entdeckt, die es der Natur gestatten, neue Moleküle und Mechanismen herauszubilden, die eine schnelle Anpassung der Arten ermöglichen: wie der Kabeljau, der im Eiswasser dank eines Proteins überlebt, das den Gefrierpunkt seiner Körperflüssigkeit herabsetzt.

Herr Wagner, im Katalogtext zu Ihrem aktuellen Buch „Arrival of the Fittest“ heißt es, Sie hätten das letzte Rätsel der Evolution gelöst. Bedeutet das, Sie können endlich beantworten, ob die Henne oder das Ei zuerst da war?
Verlagsankündigungen sind immer ein bisschen vollmundig – ich zucke zwar zusammen, ergebe mich aber in Notwendigkeiten des Buchmarktes und ertrage stumm den Satz über die Lösung des letzten Rätsels der Evolution. Allerdings ist Ihre konkrete Frage nach Huhn und Ei gar kein Rätsel mehr.

Für die meisten Menschen wohl schon. Warum für Sie nicht?
Alle Wirbeltiere stammen von Süßwasser-Fischen ab, die ihre Eier als Laich ablegten – ohne Schale. Als sie das Land eroberten, wurde dies aber gefährlich, weil die Embryos leicht vertrocknen konnten. Dagegen waren Wirbeltiere, die Eier mit Schalen legen konnten, unabhängig vom Wasser und konnten neue Lebensräume erobern.

Aber trotzdem stellt sich doch die Frage, ob beim ersten Vogel das Ei zuerst da war oder das Weibchen, das dieses legte.
Ein Vorfahr legte wahrscheinlich Eier mit einer dünnen Haut, daraus wurde dann Stück für Stück mit der Evolution eine Schale. Das bedeutet, dass einst ein Tier eine Art Ei legte, dass noch gar kein Vogel war – aber aus dem Ei entwickelte sich der erste Vogel.

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1 Comment

  1. Gestern war die Überschrift noch »Evolutionsbiologie – „Natürliche Selektion kann nicht erschaffen“« obwohl im ganzen Interview das „Zitat“ nicht vorkam. Offenbar wurde der Titel deswegen geändert. Das sagt schon einiges aus. Liest man den Inhalt des Interviews, insbesondere die Fragen, erkennt man IMO, dass der Interviewer Frederik Jötten a) ein evolutionärer Illiterat und b) eher kreationistisch angehaucht ist. Allein das Henne-Ei-Thema anzusprechen finde ich peinlich.

    Aus der jetzige Titel des Interviews „Versteckte Architektur des Lebens“ halte ich für mindestens schlecht, sogar falsch. Nach meinem Verständnis spricht Wagner von der (seiner Meinung nach neu entdeckten – aber nicht versteckten) unglaublich breiten Variationsmöglichkeit des „Baumaterials“ und der sich daraus ergebenden Variationsmöglichkeit der Architektur des Lebens und nicht von einer „geheimen, vorgezeichneten, von Anfang an vorhandenen“ (also „versteckten“) Architektur.

    Das ist IMO sehr schlechter Wissenschafts-Journalismus.

    Wer etwas über das Buch erfahren will, sollte eher:
    http://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-arrival-of-the…/1377674
    lesen.

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