Ultraorthodoxe Aussteiger in Israel: „Wer zweifelt, steigt aus!“


Ultra-orthodoxe Juden tanzen beim Simchat-Tora-Fest in Jerusalem. Wer aus dieser Gemeinschaft aussteigt, muss sich komplett neu orientieren. (picture alliance / dpa / Abir Sultan)
In Israel kehren jährlich hunderte orthodoxe Juden der religiösen Welt den Rücken. Die Orientierung in der säkulären Welt ist nicht einfach. Ihnen fehlt das Wissen über die ungeschriebenen Regeln im Alltag und auch im Job. Ein Besuch bei zwei Familien.

Von Lissy Kaufmann|Deutschlandradio Kultur

„Ich bin ausgestiegen, weil diese Gemeinschaft heuchlerisch ist. Wenn es Werte gegeben hätte, die ich wertgeschätzt hätte, wäre ich sicher dort geblieben. Aber ich sah unmoralische Dinge, die für mich nichts mit den Werten des Judentums zu tun hatten. Da habe ich den Entschluss gefasst, dass diese Gemeinschaft nicht das Richtige tut – und bin gegangen.“

Romi Kursia sitzt in ihrem Wohnzimmer in Petach Tikwa und erzählt von ihrem Ausstieg aus der Welt der Ultraorthodoxen. Hunderte lassen in Israel jährlich das haredische Leben hinter sich. Einige nehmen ihre Kinder mit in die säkulare Welt – wie die 34-jährige Romi.

Heute lebt sie mit ihren fünf Kindern als Alleinerziehende. Sie trägt ihr dunkelbraunes, lockiges Haar offen, dezentes Make-up und Jeans, in der Nase ein Piercing. An der Wand steht ein Fernseher. All das wäre vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Romi blättert durch ein Fotoalbum aus jener Zeit, in der sie noch ultraorthodox und frisch verheiratet war:

„Hier ist noch ein Bild von mir und meinem ersten Ehemann. Er ist ganz in Schwarz gekleidet, hat Schläfenlocken, er sieht aus wie ein Rabbiner. Sein Bart ist lang und dick, und mit seinem langen Mantel sieht er so alt und steif aus. Ich habe nie eine Verbindung gespürt, habe es immer als seltsam empfunden, obwohl ich ja selbst auch so angezogen war. Ich bin heute 15 Jahre älter, sehe aber viel jünger aus als damals, völlig bedeckt und mit einer Perücke auf dem Kopf.“

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