Sokal-Affäre: Wissenschaftliche Parodie mit Nachhall


In den 1990er Jahren waren selbstähnliche Strukturen und die Chaostheorie bei Theoretikern der Postmoderne en vogue. Court of other Gods, Bild: Troy Thomson(troythulu)
In den 1990er Jahren waren selbstähnliche Strukturen und die Chaostheorie bei Theoretikern der Postmoderne en vogue.
Court of other Gods, Bild: Troy Thomson(troythulu)
Die «Sokal-Affäre» löste vor zwanzig Jahren einen Streit zwischen Natur- und Geisteswissenschaftern aus. Und wie ist es heute um das Verhältnis zwischen den beiden Wissenschaftskulturen bestellt?

Von Sven Titz|Neue Zürcher Zeitung

Es ist nicht immer ungetrübt, das Verhältnis zwischen Naturwissenschaftern auf der einen Seite und Geistes- und Sozialwissenschaftern auf der anderen. Unterschiedliche Praktiken, Kriterien und Sprechweisen lassen zuweilen interdisziplinäre Konflikte ausbrechen. Ein spezieller Streit, der bis heute nachwirkt, versetzte 1996 die akademische Welt in Aufruhr. Damals veröffentlichte der amerikanische Physiker Alan Sokal einen aufsehenerregenden Artikel – nicht etwa in einer Fachzeitschrift der Physik, sondern in «Social Text», einem Magazin der Sozialwissenschaften. «Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity» lautete der Titel (auf Deutsch «Die Grenzen transgredieren: hin zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation»). Das krude Gemisch aus Begriffen der Physik und der Philosophie war Programm.

Postmodernes Kauderwelsch

Sokal wollte mit seinem Artikel den teils unpassenden, teils völlig unsinnigen Einsatz naturwissenschaftlicher Terminologie karikieren, welcher damals unter Autoren beliebt war, die unter dem Einfluss postmoderner Theorien standen. Zu diesem Zweck rührte er ein Textgebräu aus physikalischen und philosophischen Versatzstücken an, dessen Lektüre erfahrenen Wissenschaftern die Haare zu Berge stehen lassen musste. Doch «Social Text» druckte den Artikel im Frühling 1996.

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