Sibylle Lewitscharoff: „Soll Hitler etwa froh im Himmel rumturnen?“


Sibylle Lewitscharoff (Bild: Wikimedia Commons/Lesekreis, CC0/Public Domain)
Sibylle Lewitscharoff (Bild: Wikimedia Commons/Lesekreis, CC0/Public Domain)
Sie ist eine große Schriftstellerin – und gläubige Christin: Warum Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff an einen strafenden Gott und die befreiende Wirkung von Spatzen glaubt.

Von Anne-Catherine Simon|Die Presse

Die Presse: Zum christlichen Osterfest bietet Ihr Roman „Blumenberg“ eine wilde Deutung: Vielleicht opfere Gott seinen Sohn zwecks Flucht aus dem „Gemütsallerlei“, um Vaterschmerz zu empfinden . . . Das wäre ein reichlich perverser Gott.

Sibylle Lewitscharoff: Ich probiere gern an abwegigen Theorien herum, die ich meinen Figuren ins Hirn lege. Über Gott kann man nichts Bestimmtes wissen, gerade das bedeutet ja Seine Allmacht. Ich mache halt vor Seiner übermächtigen Essenz kleine Veitstänze.

Literatur und Religion vertrugen sich in Europa schon besser als heute; bei Ihnen scheinen sie eng verbunden . . .

Die Bibel ist ein großartiger Text, durchzogen von abgründigen menschlichen Erfahrungen. Für mich war das immer eine aufregende Lektüre. Manche Details mögen veraltet sein, viele sind es nicht. Meine sehr fromme Großmutter, die vom Pietismus inspiriert war, hat wunderbar daraus erzählt, ohne mich als Kind zu ängstigen. Sie war überhaupt ein herzensguter Mensch, keine abscheuliche Frömmlerin. Der Vater liebte Homer und erzählte mir ebenfalls feurig davon. Beide Stoffe haben in mir Wurzeln geschlagen, und, wer weiß, vielleicht haben sie den Grundstein für mein eigenes Schreiben gelegt.

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