Die Ehre eines Henkers


Die Illustration zeigt, wie Frantz Schmidt 1584 eine angebliche Ehebrecherin hinrichtet. Repro aus Hermann Knapp „Das Lochgefängnis“
In seinem Tagebuch beschreibt Meister Frantz, wie er im 16. Jahrhundert in Nürnberg fast 400 Menschen hinrichtete. Mit seinen Aufzeichnungen kämpfte der Scharfrichter um die Wiederherstellung seines Rufs.

Von Florian Welle | Süddeutsche.de

Johann Martin Friedrich von Endter wollte seine Mitmenschen aufklären. Um zu zeigen, wie grausam einst Recht gesprochen wurde, schickte sich der Nürnberger Jurist um die Wende zum 19. Jahrhundert an, eine höchst ungewöhnliche Schrift herauszugeben: das Tagebuch des „Meister Frantzen Nachrichter“. Darin hat Frantz Schmidt, der einstige Nürnberger Henker, den man in der Reichsstadt Nachrichter nannte, sein langes Berufsleben geflissentlich dokumentiert. Freilich handelt es sich bei der Schrift nicht um ein Tagebuch im heutigen Sinne: „Ich“ sagt Meister Frantz, der um 1554 in Hof geboren wurde, nur in wenigen Fällen.

Außergewöhnliche 45 Jahre lang übte der Scharfrichter seine Tätigkeit aus: von 1573 bis zu seiner Pensionierung 1618. Dabei beförderte er nach eigener Zählung knapp 400 Menschen vom Leben zum Tode, noch sehr viel mehr Delinquenten peitschte er aus. Als das Tagebuch, in dem jeder Fall „fleißig beschriben, deßgleichen auch zu lesen“ ist, 1801 erschien, weckte es allerdings weniger das Interesse der Justiz. Dafür stürzten sich umso eifriger die Romantiker mit ihrer blumenblaublühenden Fantasie darauf.

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