Die „perfekte“ Religion entsagte Sex und Drogen


Fragment der spätantiken Lebensbeschreibung Manis im Kölner Mani-Kodex. Bild: wikimedia.org/PD
Vor 1800 Jahren wollte der Perser Mani die Anhänger Jesu, Buddhas und Zoroasters zusammenführen. Fast hätte er über das Christentum triumphiert. Doch ein ehemaliger Jünger stellte sich ihm entgegen.

Von Berthold Seewald | DIE WELT

Stellen wir uns einmal vor: Die katholische Kirche würde von zwölf heiligen „Lehrern“ geleitet. Sie stünden den „Auserwählten“ (Electi) vor, die sich dadurch auszeichneten, dass sie sich Heirat, Sex, Fleisch- und Weingenuss enthielten. Um diesem hohen Kreis überhaupt das Leben zu ermöglichen, gäbe es um sie herum eine Fülle von „Hörern“ (Auditores). Deren oberste Pflicht sei es, die Auserwählten mit ihren Almosen zu versorgen. Während die Electi gute Chancen hätten, nach einem bußfertigen Leben zwischen „Blut, Galle, Winden, Kot und der Unreinheit des Leibes“ in die Welt des Lichts zu entfliehen, dürften sich ihre Hörer mit der Gewissheit trösten, ihrer niederen Bestimmung gefolgt zu sein.

Diese Vision wäre beinahe Wirklichkeit geworden. Entworfen hat sie ein Perser mit Namen Mani, der sich um 240 n. Chr. als „Apostel des Lichts“ berufen sah und eine Religion stiftete, die nicht nur die christliche Kirche des Römischen Reiches herausforderte, sondern auch die Priesterschaft seines größten Gegners, des Persischen Weltreichs der Sassaniden. Dort folgte man den Lehren des berühmten Weisen Zoroaster (Zarathustra). Kein Geringerer als der große Kirchenvater Augustinus hing als Auditor mehrere Jahre der Religion Manis an. Hätte er nicht mit ihr gebrochen, sondern seine ganze Kraft in ihre Verbreitung eingebracht, vielleicht wären heute die Manichäer die größte Glaubensgemeinschaft des Planeten.

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