Auf dem Nachttisch


Bild: DIE KOLUMNISTEN.de
…nannte Kurt Tucholsky eine Rubrik, die er in den 1920er Jahren für die „Weltbühne“ schrieb. Ob nun eine Monographie über John Heartfield, Gedichte von Walter Mehring, Studien über das „Geschlechtsleben in Melanesien“, katholische Moralbroschüren oder wohl im Suff geschriebene deutsch-französische Wörterbücher, den lombardischen Leser interessierte auch das, was sonst wenig öffentliche Beachtung fand, aber sie doch verdient hatte.
Ich lese zwar nie im Liegen, aber auch bei mir sammelt sich Gedrucktes, das ich nicht wegwerfen kann und das es verdient hätte, eine breitere Öffentlichkeit zu finden. Also, Tucho zu Ehren, bauen wir am Nachttisch an…

Von Wolfgang Brosche | DIE KOLUMNISTEN

Kennen Sie „Cleopatra“?

Ich meine nicht die berühmt-berüchtigte ägyptische Königin, sondern den monumentalen Film gleichen Namens, in dem die veilchenäugige Liz Taylor ihre üppigen Formen im ToddAO-Format ausbreiten durfte. Jenen Film, der 1964 als der teuerste aller Zeiten galt – nach heutigen Maßstäben würde er 300 Millionen Dollar kosten – und der deshalb die Produktionsfirma  Twentieth Century Fox fast in den Ruin trieb. Er wurde zu einer Zeit  gedreht, in der es noch keine computergenerierten Bilder gab und nahezu alle Schauplätze in echter Größe nachgebaut, tausende an Komparsen engagiert und ganze Seeschlachten mit richtigen Schiffen nachgestellt wurden. (Nur die überbordenden Stadtansichten Roms wurden von Genies auf Glas gemalt und unsichtbar ins Bild eingefügt – davon erzähle ich vielleicht ein anderes Mal!)

Vor fünfzig Jahren floppte „Cleopatra“, der Film,  an den Kinokassen einerseits weil die Welle der Antikepen, die er krönen sollte, abebbte und anderseits weil es ihm zwar nicht an optischer Pracht fehlte, aber dafür an erzählerischer Konsequenz, deren Mangel die Zuschauer durch geschichtliche und kulturhistorische Kenntnisse ergänzen mußten. Das große Publikum, das straff erzählte Geschichten gewohnt ist, die sich nicht verzetteln, war weder episch ausdauernd noch genügend ästhetisch gebildet, um den Film mit Wonne zu goutieren.

Wenn man heutzutage die über vierstündige integrale Fassung auf DVD anschaut – der Roughcut soll sogar sechs Stunden lang gewesen sein – dann beeindruckt eben nicht die im Film erzählte Geschichte  – auf die das Hollywoodkino sonst den allergrößten Wert legt – sondern es überwältigen die Tableaux, in denen der Film schwelgt. Die Üppigkeit der Diva Liz Taylor findet ihre Entsprechung in der detailstrotzenden Pracht von Sälen, Tempeln und Gemächern, in denen lebende Bilder stattfinden. Im Sinne eines Narrativs  statisch, aber optisch überwältigend.
„Cleopatra“ von Joseph L. Mankiewicz bezieht  seine Kraft nicht so sehr aus den erzählten Intrigen, Machtträumen und den Liebesgeschichten der Königin mit Julius Cäsar und Marcus Antonius, sondern aus einer malerischen Augenlust  des 19. Jahrhunderts. Er setzt noch einmal eine damals eigentlich schon ausgestorbene Tradition des frühen Stummfilms fort.

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