Limburg: Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide im Haus am Dom


Mouhanad Khorchide, Moderator Stefan Orth und Hamed Abdel-Samad (v.l.n.r.) beim Streitgespräch im Haus am Dom. Foto: Reichwein
Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren: Diese Überzeugung des Publizisten Hamed Abdel-Samad stößt auch in Deutschland nicht gerade auf ungeteilte Zustimmung. Zum so betitelten Streitgespräch mit dem Theologen Mouhanad Khorchide am Dienstag, 19. April, im Haus am Dom, kam und ging der bekannte Islamkritiker jedenfalls unter Polizeischutz, flankiert von Sicherheitsleuten. Auf diesen Hintergrund anspielend bat Professor Joachim Valentin bei seinen Begrüßungsworten die Besucher ausdrücklich darum, „Contenance“ zu bewahren. Dies ging ebenso in Erfüllung wie sein zweiter Wunsch, es möge ein anregender und kontroverser Abend werden.

Bistum Limburg

Mit großem Respekt

Ganz leicht machten es die beiden Koranspezialisten dem Publikum mit ihren vielfachen Verweisen auf Suren und Verse nicht, aber spannend war die kritische, mit großem Respekt geführte Auseinandersetzung allemal. Dafür sorgte auch der Moderator des Abends, Stefan Orth, Redakteur der Herder Korrespondenz und zugleich Herausgeber des im Frühjahr erschienenen gleichnamigen Buches mit den Standpunkten der beiden Diskutanten. Seine Eingangsfrage nach einem möglichen Gewaltproblem des Islam war für Abdel-Samad eine Steilvorlage. Der Islam sei mit Gewalt gekommen, er habe in diesem Sinne kein Gewaltproblem, da er ohne Gewalt gar nicht existieren würde.

Theologische Gegenangebote machen

Diesen einen Islam gebe es gar nicht, widersprach Khorchide: „Es gibt Islame im Plural.“ Gefragt werden müsse danach, welche Muslime Probleme mit Gewalt hätten und warum. Wenn soziale Integration gescheitert sei, wie zum Beispiel in Paris oder Brüssel, begünstige das eine entsprechende Auslegung des Islam. Seine Aufgabe als Theologe sei es, ein theologisches Gegenangebot zu machen. Differenzierung in Bezug auf den Islam heißt dagegen für Abdel-Samad, dass die spirituelle Kraft und Religion einerseits von der Rechtsordnung und der politischen Ideologie andererseits getrennt betrachtet werden müsse. Diese seien problematisch und gewaltbeladen. Wo der Islam das Sagen habe, würden Menschen unterdrückt und lebten in Freiluftgefängnissen. Das sei in allen 53 islamischen Staaten zu beobachten. Da spiele es keine Rolle, wie viele Muslime friedlich oder einfach nur passiv seien. Der Islam habe kein Imageproblem, wie immer wieder behauptet, sondern ein Problem mit sich selbst, mit seinen Texten.

Historischer Kontext

„Es geht immer um die Interpretation des Islam“, betonte dagegen Khorchide und kritisierte das „statische Bild“, das sein Gesprächspartner vom Islam zeichne. Er plädierte im Laufe des Abends immer wieder eindrücklich für ein dialogisches, dynamisches Verständnis vom Koran, der ein Resultat von Kommunikation sei: „Das Wort Gottes, das kommuniziert ist mit Menschen.“ Bei der Auslegung müsse der historische Kontext mit im Blick sein, die Situation der „Erstadressaten“ im 7. Jahrhundert in Arabien. Die Menschen heute seien reifer, Gott habe ihnen Vernunft gegeben, er vertraue ihnen und gebe ihnen das Ruder in die Hand. Für Abdel-Samid steht zu dieser Lesart das Menschenbild im Koran im absoluten Gegensatz: In 60 von 61 Fällen werde der Mensch negativ erwähnt, 400 Mal allein sei drohend von der Hölle die Rede. Für ihn spiegelt dieser Text allein die Entwicklung eines Menschen, des Propheten, wieder, und die einer friedlichen hin zu einer kriegerischen Gemeinde. „Da ist keine Offenbarung im Spiel.“

Barmherzigkeit im Koran

Unabhängig davon, wie viele Details zur Lebensgeschichte des – wiederum von beiden sehr unterschiedlich beurteilten – Propheten Mohammed bekannt seien, steht für den Religionspädagogen Khorchide die Vermittlung im Vordergrund und damit die Frage, für welches Narrativ man sich stark mache, was innerislamisch verbreitet werden solle. Bei dem Vorhaben, einen Islam zu entwickeln, der unter anderem die Gewaltpassagen relativiere und die Barmherzigkeit in den Vordergrund stelle, sicherte ihm sein Kontrahent an diesem Abend ausdrücklich Unterstützung zu. Khorchide revanchierte sich mit einem Lob der Kritik, die für den Islam wie für alle Religionen wichtig sei.

Einiges an Übereinstimmung fand sich auch in ihren abschließenden Appellen vor allem an die Muslime im Publikum, gelassen und nicht emotional und gereizt mit einer solchen Kritik umzugehen, den „Opferdiskurs“ zu verlassen und, so Khorchide, „unsere Religion nicht im Mittelalter stehen zu lassen“. (rei)