„Eine einzige Bibelstelle zur Norm zu erheben ist Irrweg“


Sozialethiker Kurt Remele plädiert dafür, dass die Kirche ihre tierfreundliche Tradition wiederentdeckt

Interview Julia Schilly | derStandard.at

STANDARD: In Ihrem Buch fordern Sie eine „neue christliche Tierethik“. Wo besteht Ihrer Meinung nach Nachholbedarf?

Remele: Es bedarf einer Neubesinnung auf die tierfreundlichen Traditionen im Christentum: Franz von Assisi ist der bekannteste christliche Anwalt der Tiere, aber es gibt eine Menge anderer, von denen man bisher zu wenig weiß. Die vegetarische Bewegung im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts und die Bewegung gegen Tierversuche waren ebenfalls stark christlich geprägt.

STANDARD: Durch die Bibel habe Gott laut christlicher Lehre „die Lizenz zum Töten“ erteilt: „Ich setze euch über die Fische im Meer, die Vögel in der Luft und alle Tiere, die auf der Erde leben.“ Handelt es sich dabei um einen Irrweg?

Remele: Wenn eine einzige Bibelstelle, die auf eine konkrete Situation bezogen ist und vor dem Hintergrund ganz bestimmter historischer Verhältnisse entstanden ist, zu einer ewig gültigen ethischen Norm erhoben wird, handelt es sich dabei im Allgemeinen um einen theologisch-ethischen Irrweg. Der Herrschafts- oder Unterwerfungsbefehl aus dem Buch Genesis, den Sie hier zitieren, ist zu einer Zeit entstanden, als die meisten Menschen sich berechtigterweise noch vor sogenannten wilden Tieren fürchteten. Heute sieht das – zumindest bei uns – ganz anders aus.

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