Verborgen


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Ausgrenzung kommt manchmal laut daher. Man kann andere aber auch mit Taten mundtot machen.

Von Carolin Emcke | Süddeutsche.de

Im Dorf gibt es keine Juden mehr“, schrieb der ungarische Schriftsteller Szilárd Borbély in seinem erschütternden Roman „Die Mittellosen“, „das heißt: es gibt sie, aber man spricht nicht darüber. Man tut so, als gäbe es sie nicht. Es gibt einen Juden, aber der ist auch keiner mehr“. Die Ablehnung von Jüdinnen und Juden lässt sich mittels verschiedener perfider Techniken artikulieren: über sie nicht mehr zu sprechen, so zu tun, als gäbe es sie nicht, die, welche jüdisch sind, einfach so zu leugnen, dass sie sozial gleichsam aufhören zu existieren – das ist nur einer der Mechanismen der schleichenden Exklusion. Eine gröbere und brutalere Form ist es, Zonen der Angst und der Unsicherheit auf Plätzen und Straßen zu erzeugen, wo Menschen, die Kippa tragen, verbal oder physisch angegriffen werden. So wird es nach und nach für Juden zu einem Risiko, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Sie werden gedrängt, sich zu fragen, ob es sicherer wäre, sich zu verleugnen.

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Es gibt andere Spielformen des Antisemitismus, die Jüdinnen und Juden beschädigen und ausgrenzen, ohne sich selbst als offen judenfeindlich zu erklären, ja, ohne Juden überhaupt zu erwähnen. Dafür reicht es schon, einzelne Praktiken zu stigmatisieren, die jüdische Gläubigkeit oder Identität markieren. Da wird dann einfach in Parteiprogrammen gegen die rituelle Beschneidung (die Brit Mila) agitiert oder mit Verbot gedroht. Ohne explizit zu machen, wem damit untersagt werden soll, seine eigenen Vorstellungen des guten und richtigen Lebens, seinen eigenen Glauben leben zu dürfen: eben Juden (und Muslimen). Diese Form des Ausgrenzens von Jüdinnen und Juden funktioniert gleichsam über Bande, indem sie nicht gegen das Judentum selbst hetzt, sondern nur Praktiken und Überzeugungen infrage stellt, die mit jüdischer Identität und jüdischem Leben unverbrüchlich verbunden sind. Kritik an dieser indirekten Judenfeindlichkeit wird gern abgewehrt mit dem Verweis darauf, es ginge angeblich gar nicht um das Judentum.

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