„Turning point“


Kölner Silvesternacht: Alice Schwarzer über rechtsfreie Räume mitten in Europa, über Silvester als „Kriegsansage“ und politische Tabus bei der Aufarbeitung

Von Arno Kleinebeckel | TELEPOLIS

Alt-Feministin Alice Schwarzer kommt rasch auf den Punkt: Die Übergiffe der Kölner Silvesternacht waren für sie eine massive Machtdemonstration Gleichgesinnter – und damit mehr als ein zufälliges aus der Spur gelaufenes Event. Im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger1 redet sie Tacheles, äußert sich gewohnt streitbar zu den Vorgängen der Kölner Terrornacht: Mitten in Europa, auf dem zentralsten Platz einer Millionen-Stadt, habe es einen rechtsfreien Raum auf Kosten Hunderter von Frauen gegeben, mindestens zehn Stunden lang. „Das ist ein neues Phänomen, das es so in Europa bis dahin nicht gegeben hat.“

Mit „Der Schock – die Silvesternacht von Köln“ hat sie nun einen Sammelband über die Ereignisse und Hintergründe vorgelegt. Schwarzer hat den Haupttext verfasst. Die Hälfte der Autorinnen und Autoren, die zu ihrem Buch Texte beigesteuert haben, stammen aber aus dem muslimischen Raum: „Für sie“, so Schwarzer über diese Gruppe ihrer Mitstreiter, sei doch sofort klar gewesen, „dass das [die Übergriffe an Silvester] eine kleine Kriegsansage gewesen ist, eine Aggression mit politischer Intention“. Nun also ein Tahrir-Platz, mitten in Köln.

Was hat sie persönlich am meisten geschockt?

Die Silvesternacht ist ein Schock für alle gewesen, ein turning point. Das war mehr als ein Angriff auf ein paar hundert Frauen. Das war ein politisches Event, das weltweit schockiert hat.

Alice Schwarzer

Die „EMMA“-Redaktion liegt nur eine Viertelstunde fußläufig vom Ort des Geschehens entfernt. In den Wochen nach Silvester klopften dort Journalisten-Kolleginnen aus der ganzen Welt an, fragten: „Was war da eigentlich los? Wie konnte das passieren? Und welche Schlüsse zieht ihr als Feministinnen daraus?“ Auf Arabisch, so Schwarzer, gibt es sogar einen eigenen Begriff für diese Art von Terror gegen Frauen: Taharrush Jamai (sexuelle Gruppen-Gewalt).

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