Auf dem Nachttisch… Nummer 2


Fotograf: Albert, Joseph Entstehungsjahr: um 1863 Aufbewahrungsort: München Sammlung: Stadtarchiv Land: Deutschland Kommentar: Ludwig II. gemeinfrei / geschnitten HS
…nannte Kurt Tucholsky eine Rubrik, die er in den 1920er Jahren für die „Weltbühne“ schrieb. Ob nun eine Monographie über John Heartfield, Gedichte von Walter Mehring, Studien über das „Geschlechtsleben in Melanesien“, katholische Moralbroschüren oder wohl im Suff geschriebene deutsch-französische Wörterbücher, den lombardischen Leser interessierte auch das, was sonst wenig öffentliche Beachtung fand, aber sie doch verdient hatte.

Von Wolfgang Brosche | DIE KOLUMNISTEN

Ich lese zwar nie im Liegen, aber auch bei mir sammelt sich Gedrucktes, das ich nicht wegwerfen kann und das es verdient hätte, eine breitere Öffentlichkeit zu finden. Also, Tucho zu Ehren, bauen wir am Nachttisch an…diesmal auch für andere Medien…

Mordbrenner und Meuchler

Was für ein schöner Herbst: überall nur Gold, Kupfer und Messing. Da weiden die Schafe der frommen Denkungsart und ein englisches Landlüftchen weht, mit dem man sich die Lungen vollatmen möchte. Doch was sind das für beunruhigende Hammerschläge, die über diese Idylle hallen? Die Büttel der Rechtreligiösen zimmern einen Galgen – zwischen all diesen lieblichen Hügeln und Auen und der Sattheit des Septembers. Damit das Unbehagen, das den Zuschauer in seiner anfänglichen Wohligkeit beschleicht, sich noch steigert, führt man eine erbärmlich vor Angst schreiende Frau heran. Vorneweg der bibelheuchelnde Pfarrer und hinterdrein das verschreckte, gleichwohl neugierige Volk, das Hinrichtungen liebt, sofern es nicht die eigene ist.

Den letzten Befehl, das Seil zu straffen, gibt der Pfaffe mit einem Kopfnicken und die Schreie der Frau, die man als Hexe hinrichtet, ersticken. Hinter den Hagen und Hainen schleicht sich das Musik-Motiv für den Unhold heran, noch nur ein Grummeln, das aber Resonanz findet unten, auf unseren Zwerchfellen. In der Ferne, verschwommen und deshalb genauso diffus wie die jetzt hineinkriechende Beunruhigung, das Mißtrauen und die Angst, auf seinem so reinen, weißen Schimmel: Matthew Hopkins, „Der Hexenjäger“ – „The Witchfinder General“.

So beginnt ein bald 50 Jahre alter Horrorfilm, der seinen legendären Ruf bis heute immer wieder unter Beweis stellt. 1968 galten seine Gewaltdarstellungen als Tabubruch – vor allem aber der eindeutige Zusammenhang von Sex und Brutalität. Das Junggenie Michael Reeves drehte diesen, seinen dritten Spielfilm mit 23 Jahren – und starb bald darauf unter mysteriösen Umständen. Eine herrschsüchtige Mutter, folglich Drogen und Depressionen hatten ihm den Rest gegeben. Ein Frühunvollendeter.

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