Wenn Biologie auf Ideologie trifft – Trofim Lyssenko


Trofim Denissowitsch Lyssenko. Bild: wikimedia.org/PD

Der Biologe Trofim Lysenko hat zu Stalins Zeiten die Genforschung und die Landwirtschaft der Sowjetunion ruiniert. Trotzdem finden seine kruden Thesen wieder neue Anhänger. Der Historiker Loren Graham hat den Fall untersucht.

Von Maggie Koerth-Baker | Technology Review

2012 veröffentlichte der wichtigste Orden der russisch-orthodoxen Kirche ein Biologie-Lehrbuch für die 10. und 11. Klasse. Es enthält einen explizit kreationistischen Text über die Rolle von Gott in der Natur: Die Lehre Darwins sei verheerend für die ganze Welt und insbesondere für das russische Volk gewesen, habe zur Verbreitung des Materialismus geführt und widerspreche russischen Werten, weil sie untrennbar mit dem skrupellosen Lebensstil britischer Kapitalisten im 19. Jahrhundert verbunden sei.

Das Buch wischt die Idee der natürlichen Auslese beiseite. Aber gleichzeitig begeistert es sich für die Vorstellung, im Leben erworbene Eigenschaften könnten an künftige Generationen weitergegeben werden. Dabei bezieht es sich auf aktuelle Erkenntnisse der Epigenetik, die tatsächlich zeigen, dass die Umwelt das Erbgut beeinflusst und dadurch erworbene Eigenschaften teilweise vererbbar sind.

Für Loren Graham ist das Schulbuch ein Zeichen dafür, dass die längst überwunden geglaubten Vorstellungen des berüchtigten Sowjet-Biologen Trofim Lysenko langsam wieder salonfähig werden. Als Historiker am Massachusetts Institute of Technology beschäftigt sich Graham seit Jahrzehnten mit russischer Wissenschaft. In seinem neuen Buch „Lysenko’s Ghost“ geht er der Frage nach, wie Politik, Religion, kulturelle Normen und Ideologie die Wissenschaft verzerren.

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