Wie es zum Bürgerkrieg in der Ukraine kam


7dd4d-ukrainekiev_7
Kiew.
Durch Verarmung, Oligarchisierung und Entstaatlichung wurde der Boden für einen radikalen, ukrainischen Nationalismus geschaffen. Daraus sollten auch in Deutschland Lehren gezogen werden

Von Ulrich Heyden | TELEPOLIS

Als ich das erste Mal für einen längeren, dreimonatigen Aufenthalt in die Ukraine kam, das war im Februar 1992, hatte ich ausgesprochen positive Gefühle für die gerade erst unabhängig gewordene Ukraine. Die neue gelb-hellblaue Fahne schien mir wie ein frohes Zeichen, eine Verbindung von Sonne und Meer. Ich packte meine Geschenke für meine ukrainische Gastfamilie in blau-gelbes Papier ein.

Damals dachte ich, die Sowjetunion sei auch an ihrer Überzentralisierung gescheitert. Eine Dezentralisierung könne bei einer Demokratisierung des Super-Staates helfen, ohne dass die sozialen Grundrechte dabei verloren gehen.

Ich wohnte damals bei einer befreundeten Intellektuellen-Familie in Kiew, berichtete als Journalist für die Berliner TAZ und den Deutschlandfunk darüber, wie die Ukrainer mit den Folgen von Tschernobyl umgehen, über einen Streik der Trolleybus-Fahrer von Kiew und wie sich die Ukrainer trotz der tiefen Wirtschaftskrise trotzdem über Wasser hielten.

Dezentralisierung oder vollständige Unabhängigkeit?

Mein Freund Andrej, ein junger ukrainischer Philosoph mit starken Sympathien für die ukrainische patriotische Intellektuellen-Vereinigung Ruch, erklärte mir damals das Ergebnis, der von Gorbatschow initiierten Abstimmung über die Zukunft der Sowjetunion, die im März 1991 in allen ehemaligen Sowjet-Republiken stattfand. Andrej meinte, in der Ukraine hätten die Menschen mitnichten – wie ich meinte – für einen Fortbestand einer dezentralisierten Sowjetunion gestimmt, sondern für die vollständige Unabhängigkeit von Moskau.

weiterlesen