Christen im Irak: „Es gibt keine systematische Ausrottung“


Der im Irak aktive Pater Jens Petzold über die Verfolgung der Christen dort und wie sie einst und jetzt instrumentalisiert werden.

Von Joachim Frank | Frankfurter Rundschau

Pater Jens, über die Verfolgung der Christen im Irak wird in Deutschland kontrovers diskutiert. Was können Sie aktuell zur Situation sagen?
Die Lage der christlichen Binnenflüchtlinge im Irak ist schlimm, keine Frage. Hals über Kopf haben sie ihre Siedlungsgebiete in der Ebene von Mossul verlassen müssen. Meistens haben sie nur das nackte Leben retten können. Dieses Schicksal teilen die etwa 150 000 Christen aber mit einer mehr als zehnmal so großen Zahl von Muslimen und Jesiden. Insgesamt hat Kurdistan bis heute 1,8 Millionen Flüchtlinge aufgenommen, darunter 80 000 Menschen aus dem Nachbarland Syrien.

Statistiken mindern doch nicht das Leid der Betroffenen.
Natürlich nicht. Mir liegt aber an einer gerechten Beurteilung der Gesamtsituation. Selbst im Herrschaftsgebiet des IS geht es den Christen im Vergleich besser als den Muslimen, die von den Terrormilizen als „Abtrünnige“ behandelt und wahllos ermordet werden. Bei der Einnahme von Mossul durch den IS wurden die Christen dagegen vor die Wahl gestellt, eine Art Schutzgeld – etwa 150 US-Dollar pro Jahr – zu zahlen oder die Gegend zu verlassen. Wer als Christ diese „Dhimmi-Steuer“ entrichtete, konnte – unter sehr unwürdigen Bedingungen – in Mossul weiterleben. Das war den Muslimen und erst recht den Jesiden nicht vergönnt.

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