Apokalypse und Nostalgie: Ewig lockt der Untergang


Die Karambolage mutet noch ganz idyllisch an und gibt doch einen Vorschein späterer Katastrophen. Arnold Odermatt: Stansstad, 1967. (Bild: Urs Odermatt, Windisch / © Pro Litteris)
In der Vernichtung von Gegenwart sind nostalgische Wehmut und apokalyptische Vision mächtige Verbündete. Der heutige Selbstmordattentäter ist das perfekte Werkzeug dieses Bündnisses.

Von Roman Bucheli | Neue Zürcher Zeitung

Ein halbes Leben lang hat der Polizist Arnold Odermatt fotografiert. Wurde er zu einem Verkehrsunfall gerufen, nahm er seine Kamera mit und hielt mit ihr fürs Protokoll fest, was er vorfand: schroff ineinander verkeilte Wagen, von der Strasse in den Graben gestürzte Fahrzeuge, umgekippte Laster, um Laternen gefaltete Karosserien, an Geländern hängende und über Abgründen schwebende Automobile. Arnold Odermatt war längst im Ruhestand und sein stilles Lebenswerk schon fast vergessen, als sich seine Fotografien plötzlich in Kunst verwandelten.

Nicht als Phänomenologe des Missgeschicks und auch nicht als Diagnostiker des mobilisierten Zeitalters wurde der Polizist zum Künstler. Odermatts präzise Bilder erzählen nichts über die Menschen, die bei den Unfällen zu Schaden kamen oder die Karambolagen verursacht hatten. Die knochentrockene Nüchternheit dieser Bildsprache schuf eine Poesie, die sich erst ausserhalb des ursprünglichen Zusammenhangs artikulierte und gedeutet werden konnte.

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