Åsne Seierstads beklemmendes Buch über Anders Breivik


Breivik-Utensilien vom 22. Juli 2011. Die Ziele hatte er genau vorbereitet, Utøya gehörte erst nicht dazu. (Bild: Fredrik Varfjell / NTB / Reuters)
Die Frage, was den Norweger Anders Breivik zu seinen schrecklichen Taten bewog, treibt die Norweger bis heute um. Åsne Seierstad versucht sich dessen Leben und Tat nüchtern und minuziös zu nähern.

Von Aldo Keel | Neue Zürcher Zeitung

Der Fall Breivik ist einzigartig. Kein anderer Soloterrorist hat je einen derart komplexen Angriff mit so vielen Toten auf zwei Schauplätzen ausgeführt: Siebenundsiebzig junge Menschen fielen ihm am 22. Juli 2011 in Oslo und auf Utøya zum Opfer. Breivik, der an jenem Tag auch ein 1500-Seiten-Manifest im Netz veröffentlichte, hatte zwei Feinde: die Muslime, die er aus Europa «deportieren» wollte, und die für die «muslimische Invasion» verantwortlichen «Verräter» und «Kulturmarxisten».

Åsne Seierstad schildert in ihrem beklemmenden Buch die Lebensgeschichte dieses Mannes. Den Richtern, die über ihn urteilten, lagen zwei psychiatrische Gutachten vor – «zurechnungsfähig», «nicht zurechnungsfähig». Sie entschieden sich für «zurechnungsfähig». Breiviks wichtigste Bezugsperson bis zuletzt war seine 2013 verstorbene Mutter. Die Tochter einer psychisch Kranken verlebte eine schwere Kindheit und heiratete einen Diplomaten. Nach der Scheidung fühlte sie sich mit der Erziehung ihres Sohnes überfordert und beantragte mehrmals die Hilfe von «Entlastungseltern».

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