Deutschland-Namibia: Wahrheit – Erinnerung – Versöhnung. Überlegungen zum Gedenken an den Völkermord von 1904-1908


Das Hauptquartier in Keetmanshoop 1904 sitzend von links: Hauptmann von Lettow-Vorbeck, Hauptmann Bayer, Oberst Trench (brit. Verbindungsoffizier), Generalleutnant von Trotha; stehend ganz links: Oberleutnant von Trotha. Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0 de/Bundesarchiv Bild 183-R27576, Deutsch-Südwestafrika

Seit im Juli 2015 mit dem Bundestagspräsidenten Norbert Lammert der bislang ranghöchste Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland sich klar für die Benennung des Krieges des Deutschen Reiches gegen die Herero und Nama (1904-1908, Südwestafrika, heute Namibia) ausgesprochen hat, und auch das Auswärtige Amt diesen Umstand nun anerkennt, ist Bewegung in die Frage der aktiven und öffentlichen Versöhnung zwischen Namibia und Deutschland gekommen. Im Oktober 2015 verfasste ich dazu ein Memorandum, das ich nachfolgend als historisches Dokument veröffentliche.

In der Zwischenzeit haben sowohl Namibia als auch Deutschland Sondergesandte in dieser Frage ernannt, Dr. Zed Ngavirue und Ruprecht Polenz, und zahlreiche Gespräche haben stattgefunden, allerdings immer noch auf den Arkanbereich der Diplomatie beschränkt.

Von Jürgen Zimmerer | Universität Hamburg

Vorbemerkung:

Der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Herr Markus Meckel, bat mich nach unserer Unterredung am 4.9.2015 in Berlin, meine darin geäußerten Überlegungen zum Umgang mit dem Genozid in Deutsch-Südwestafrika (1904-1908) als Grundlage weiterer Erörterungen in seinem Haus sowie in entsprechenden Gremien und Organen der Bundesrepublik Deutschland zu Papier zu bringen. Ich komme diesem Wunsch gerne nach, und tue dies auf der Grundlage meiner Expertise in den Themenbereichen Kolonialgeschichte, Erinnerungspolitik sowie Genozid und Versöhnung als Historiker Namibias und insbesondere des deutschen Kolonialismus und Genozids, als langjähriger Vorsitzender des Weltverbandes der Genozidforschenden (www.inogs.com), als Gründungsdirektor des Sheffield Centre for Genocide and Mass Violence, und als Direktor der Forschungsstelle „Hamburgs (post-) koloniales Erbe“. Die von Herrn Meckel bei seiner Reise nach Namibia im Juli 2015 gemachten Erfahrungen und Überlegungen flossen in die nachfolgenden Erörterungen ein. Dennoch möchte ich betonen, dass es sich bei dem folgenden um meine Meinung handelt und zwar als Privatperson, und diese auch eine breite zivilgesellschaftlicher Erörterung in Deutschland und Namibia nicht ersetzen kann, und insbesondere nicht den Dialog mit den entsprechenden Organisationen der Opfer und ihrer Nachfahren.

Historischer Hintergrund:

Die historischen Fakten sind relativ klar und in der internationalen historischen Forschung unumstritten: Nachdem die deutsche Kolonialherrschaft in nur 20 Jahren seit 1884 die Autonomie und den Besitz der dort lebenden Afrikanerinnen und Afrikaner weitgehend eingeschränkt hat, oder einzuschränken drohte, kam es im Januar 1904 zu einem großflächigen Widerstand der Herero. Dieser Widerstand wurde auf höchsten Befehl aus Berlin auf brutale Weise gebrochen, wobei es zu genozidalen Aktionen gegen die Herero kam und anschließend auch gegen die Nama, die sich mittlerweile dem Widerstand angeschlossen hatten. Die genozidalen Aktionen umfassten das Treiben der Herero in die Omaheke-Wüste („Vernichtungsbefehl“), die Strategie der Verbrannten Erde gegenüber den Nama und teilweise die Vernichtung durch Vernachlässigung in den „Konzentrationslagern“ (zeitgenössischer Ausdruck). Nach Beendigung des Kriegszustandes setzte sich die extreme Ausbeutungspolitik fort, zu der die Aufhebung der Freizügigkeit für Afrikanerinnen und Afrikaner, ihr Zwang zur Arbeit bei „Weißen“ sowie das sichtbare Tragen von Passmarken gehörte. In einer Reihe von Verordnungen wurden sexuelle Beziehungen zwischen Europäern und Afrikanerinnen verboten und stigmatisiert. Ein „Rassenstaat“ wurde errichtet, der in vielerlei Hinsicht auf eine Ideologie und eine Praxis vorauswies, die nach 1933 in Deutschland selbst zum Tragen kommen sollte. Das Land der Herero und Nama wurde konfisziert (als Strafe für ihren Widerstand) und an Deutsche abgegeben, worin zum Teil die bis heute ungerechte Landverteilung wurzelt.

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