„Wir können den Terror nicht ohne die Religion erklären“


 (Photo by Warrick Page/Getty Images)
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Der Psychologe Ahmad Mansour erklärt im Interview, warum die Politik bislang kein Konzept für den Kampf gegen die Radikalisierung von Jugendlichen hat – und welche Schuld die Islamverbände trifft.

Das Interview führte Anna Sauerbrey | DER TAGESSPIEGEL

Herr Mansour, zu dem Zeitpunkt, zu dem wir sprechen, ist noch nicht viel über den Täter von Nizza bekannt. Bislang gibt es keine konkreten Hinweise, dass er Teil eines islamistischen Netzwerkes war – auch wenn der IS ihn als einen seiner „Soldaten“ reklamiert. Rechnen Sie mit einem Einzeltäter?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das noch Spekulation – aber allgemein gesprochen, ja, wir werden immer wieder Einzeltäter sehen. Ob sich jemand entscheidet, das allein zu machen oder Anschluss an eine Gruppe sucht, hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab, aber auch von den Möglichkeiten. Wenn – wie in Frankreich – Notstandsgesetze in Kraft sind und die Sicherheitsbehörden besonders aufmerksam und präsent sind, bleibt praktisch nur noch die Möglichkeit, es allein zu tun.

Bislang ist nicht einmal geklärt, ob er überhaupt radikalisiert war. Seine Nachbarn beschreiben ihn als nicht religiös. Dafür stand er kurz vor der Scheidung, war wegen Gewaltdelikten verurteilt. Ein Nachbar sagte „Le Monde“, dem seien sicher einfach „die Sicherungen durchgebrannt“. Auch der Attentäter von Orlando, Omar Mateen, wurde von seiner Ex-Frau als psychisch krank und labil beschrieben. Wie viel Psychopathologie steckt im Terror?

Terroristen sind immer labil. Aber wir können auch bei Omar Mateen nicht nur von Labilität reden. Ein labiler Mensch würde Selbstmord begehen. Warum entscheidet man sich, stattdessen 50 Menschen, die in einem Club feiern, zu ermorden? Diese Aggressivität, mit der man wahllos Menschen ermordet, kann man nur mit einer Ideologie erklären. Diese Ideologie müssen wir benennen.

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