RDF Talk – Interview mit Gad Saad


Bild: RDF
Gad Saad ist ein kanadischer Wissenschaftler, der sich mit evolutionärer Verhaltens- und Konsumforschung beschäftigt. Er arbeitet an der Concordia University in Montreal und ist Inhaber des Lehrstuhls für „Evolutionary Behavioral Sciences and Darwinian Consumption“.

Das Interview führte Jörg Elbe | Richard Dawkins-Foundation

Er ist Autor mehrerer Bücher über Konsumverhalten. Zudem betreibt er einen Youtube Kanal, eine Facebook Seite und einen Blog über Psychologie (Links am Ende des Interviews).

Zunächst vielen Dank für die Gelegenheit dieses Interview mit Ihnen führen zu können. Fangen wir mit ein paar Fragen zu Ihrem Lebenslauf an. Sie wurden in Beirut in eine jüdische Familie geboren. Wie hat Ihre jüdische Identität Sie geformt und wie wurden Sie Atheist?

Es begann als ich 5 oder 6 Jahre alt war und die Synagoge im Libanon besuchte. Und üblicherweise fragte ich meinen Vater: „Warum müssen wir dieses oder jenes tun? Warum müssen wir jetzt aufstehen? Warum müssen wir uns jetzt hinsetzen?“ Und ich erhielt als Antwort nur ein abfälliges: „Tu es einfach! Befolge einfach die Regeln!“ Vielleicht begann sich mein intellektueller Verstand damals schon zu entwickeln und  mir gefielen diese Antworten einfach nicht. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, etwas einfach nur zu tun, weil jemand anderer wollte, dass ich es tat. Und so wurde ich schon in jungen Jahren misstrauisch gegenüber Religionen.

Als ich den Bürgerkrieg im Libanon miterlebt habe, sah ich das ganze Ausmaß des religiösen Hasses. Besonders den Hass gegen Juden. Wir mussten den Libanon verlassen, anderenfalls wäre es uns nicht gut ergangen. So habe ich mich schon sehr früh in meinem Leben auf eine irdische Weise als sehr jüdisch empfunden. Auf dieselbe Weise, auf die man auch Bayern München oder Borussia Dortmund liebt – auf eine sehr irdische Weise. Dies sind reale Anknüpfungspunkte, anhand derer wir uns als Mitglieder einer Gemeinschaft definieren und uns von der jeweils anderen Gruppe abgrenzen. So gesehen bin ich sehr jüdisch. Ich bin Teil einer Abstammungslinie einer langen Geschichte und eines Volkes. Aber von den religiösen Elementen des Judentums habe ich mich schon früh im Leben abgewandt. Es ist eine kulturelle Identität. Natürlich muss man vom Prinzip her als Jude bestimmte religiöse Narrative glauben. Aber wie Sie vielleicht wissen, waren die berühmtesten Juden der Geschichte alle sehr jüdisch und dennoch sehr atheistisch. Dies verwirrt viele Menschen, weil sie nicht begreifen, dass das Judentum eine äußert facettenreiche Identität ist. Und nur eine dieser Facetten besteht aus dem Befolgen religiöser Vorschriften. Ich esse gern Schweinefleisch – und das macht mich nicht weniger jüdisch. Aber dennoch bleibt es ein kulturelles Tabu, Schweinefleisch zu essen. Und in diesem Sinne gehöre ich einerseits zu dieser Gruppe, obwohl ich andererseits ihre religiösen Grundsätze ablehne.

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