Religion und Internet: Am Anfang war der binäre Code – 01110111 01101111 01110010 0111010


Bild: politik-digital.de
Vor langer Zeit versammelten sich die Menschen um das Feuer. Schamanen fragten die allwissenden Götter und erbaten deren Gunst. Heute fragen wir Google und sitzen vereinzelt vor den Bildschirmen. Ein Klick, eine Frage und Siri gibt uns die Antwort. In der diesjährigen Sommerreihe stellt politik-digital die neue Gretchenfrage und begibt sich auf die Suche nach dem Glauben im Netz.
 

Von Stepahn Raab, Oliver Wolff | politik-digital.de

Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen, sagt die Bibel, am achten Tag schufen wir das Internet. Unser größtes gemeinsames Bestreben ist erreicht, Jahrtausende haben wir es verfolgt: Das Internet hat uns allmächtig werden lassen. Wir sind wissend, wir sind mächtig, wir sind omnipräsent. Der # ist unser neues Glaubenssymbol, wie uns Jim Gilliam in seinem Buch „The Internet is my religion“ zeigt. Alles was wir dahinter packen wird zur Gemeinschaft, Community, Bewegung, „Religion“.

Jeder von uns ist ein Schöpfer geworden, Social-Media erlaubt es uns, alles mit der Welt zu teilen, gemeinsam werden wir der „Schöpfer“. Selbst in unserer Hosentasche haben wir das Internet immer dabei, auf einem Stück Glas mit dem „verbotenen Apfel“ auf der Rückseite.

Wir verknüpfen uns, erschaffen Open-Source-Projekte und kreieren gemeinsam neue Welten, jeden Tag aufs Neue. Zu ruhen brauchen wir dabei am siebten Tag aber nicht. Wir streben unserer eigenen Vervollkommnung entgegen, verfolgen hohe Ziele. Doch was sind diese Ziele und wem sollen sie dienen?

Das Internet ein Cargo-Kult?

Einst landeten große metallene Vögel auf den Inseln der Melanesier. Sie brachten viele wunderliche Güter mit, von denen sie glaubten, dass sie kaum von Menschenhand geschaffen sein konnten. Bei diesen Vögeln handelte es sich um Flugzeuge der amerikanischen Armee, die im Zweiten Weltkrieg auf den Inseln stationiert waren. Die Melanesier interpretierten dies als ein Zeichen der Ahnen. Doch mit Ende des Krieges verschwanden die fremden Besucher genauso plötzlich wie sie erschienen waren. Für eine baldige Rückkehr legten die Melanesier Landebahnen an, damit ihre „Götter“ wiederkämen und Güter mit den wundersamen metallenen Vögeln schickten. Bis heute gibt es diese sogenannten Cargo-Kulte wie die John-Frums-Bewegung des  Inselstaats Vanuatu. In ihren religiösen Praxen haben sie die Ereignisse der amerikanischen Landungen verinnerlicht und erhoffen seitdem die Wiederkehr von John Frum.

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