Luther, die Juden und die beschämenden Folgen einer Hassschrift


Foto: epd-bild/Alexander Baumbach. bearb.: bb
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Ein Jahr vor dem Reformationsjubiläum widmete sich der Theologische Sommerkurs der Gustav Siewerth-Akademie, einer kleinen aber feinen katholischen Hochschule, dem „Gottes- und Menschenbild Martin Luthers“.

Von Yuliya Tkachova | kath.net

Eine ganze Woche lang präsentierten Theologen, Historiker und Vertreter anderer Wissenschaften in Bierbronnen/Schwarzwald ihre Erkenntnisse zur Biographie und Theologie des Urhebers der Thesen von Wittenberg. So widmete sich Mons. Dr. Winfried König aus Rom „Der göttlichen Barmherzigkeit im Streit zwischen Erasmus und Luther“ und Prof. Dr. Arturo Ruiz Freites, ebenfalls aus Rom, dem Thema „Erlösung und Vermittlung im Denken Martin Luthers“, während sich Dr. Josef Wieneke aus Berlin „Luthers Frauenbild“, Prof. Dr. Roland Süßmuth „Luthers Menschenbild im Licht der Humantheologie und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse“ und Prof. Dr. Berthold Wald dem „Personbegriff und Handlungssinn bei Martin Luther“ auf den Grund ging. Prof. Dr. Jaques Cabaud untersuchte die psychologischen Ursachen von Luthers Gottes- und Menschenbild, während die Akademiegründerin, die bekannte Philosophin Prof. Dr. Alma von Stockhausen, es auf den Punkt brachte: „Luthers Theologie – Eine Autobiographie“ lautete der Titel ihres Vortrages, in dem sie nachwies, wie untrennbar Luthers Neudefinition des Christentums und Absage an den freien Willen von seiner tragischen Lebensgeschichte geprägt sind. Der Rektor der Gustav Siewerth-Akademie, Albrecht Graf von Brandenstein-Zeppelin schließlich stellte eindrucksvoll die Auswirkungen Luthers auf die deutsche Philosophie dar.

Doch kein Vortrag löste so viel Betroffenheit aus wie der des Düsseldorfer Historikers Michael Hesemann, der sich Luthers Verhältnis zu den Juden widmete. Während der Reformator anfänglich auf die Juden setzte und hoffte, durch ihre Bekehrung die Wahrheit seiner Theologie beweisen zu können, führte die Skepsis gelehrter Rabbiner, die ihm zahlreiche Fehler bei seiner Bibelübersetzung nachwiesen, bald zu einer extremen Gegenreaktion, die Hesemann auf eine „narzisstische Kränkung“ zurückführt. Plötzlich sah Luther in den Juden seine persönlichen Feinde, die er auf ähnlich heftige Weise in seinen Schriften verteufelte wie vor ihnen „Papisten“, Türken und aufständische Bauern. Doch es blieb nicht bei dem berüchtigten „Lutherzorn“ und deftigen Schimpfkanonaden. In seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ forderte Luther auch offen von den Fürsten des Reiches Maßnahmen , „dass ihr und wir alle der unleidlichen, teuflischen Last der Juden entladen werden“ – darunter Niederbrennung aller Synagogen und Zerstörung ihrer Schriften, Enteignung, Zerstörung ihrer Häuser, Schikanen wie Bewerfung mit „Saudreck“, Internierung in Baracken und Zwangsarbeit sowie die Hinrichtung aller Rabbiner und öffentlich betenden Juden – eine Liste, die Karl Jaspers zu der Feststellung bewegte: „Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.“

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