Richard Dawkins: „Jede Nacht werde ich vorübergehend geisteskrank“


Auch mit 75 Jahren ist Richard Dawkins keineswegs milde geworden. Auf Gegner wissenschaftlichen Fortschritts reagiert er „leidenschaftlich sauer“. © Don Arnold/Getty Images
Richard Dawkins ist der bekannteste Atheist unserer Zeit. Kürzlich erlitt der Evolutionsbiologe einen Schlaganfall. Ein Gespräch über die Launen der Natur, tierische Krawatten und den Sinn des Lebens.

Interview: Malte Herwig | stern.de

Professor Dawkins, Sie hatten vor Wochen einen Schlaganfall. Wie hat der sich auf Ihr Leben ausgewirkt?

Ich weine häufiger als sonst. Musik von Schubert oder Lyrik haben mich schon immer zu Tränen gerührt. Aber seit dem Schlaganfall ist es schlimmer geworden. Ich habe gerade erst eine Einladung zu einem Lyrik-Festival abgesagt, weil ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf der Bühne geweint hätte.

Als die Zeitungen von Ihrem Schlaganfall berichteten, rief die Anglikanische Kirche auf Twitter unter dem Hashtag #prayfordawkins dazu auf, für Sie zu beten. Hat Sie das berührt?

Es war sicher nett gemeint. Ich hoffe nur, sie haben nicht auch noch eine Ziege geopfert, denn das würde mich wirklich aufregen.

Sie verfechten den Atheismus so leidenschaftlich, als wäre er ein Glaube.

Wie kann man sich nicht leidenschaftlich für Vernunft und Logik einsetzen, wenn andere ihre Zeit mit Beten vergeuden oder damit, die Finger zu kreuzen, wenn ihnen eine schwarze Katze über den Weg läuft? Dieser ganze Aberglaube ist sinnlose Zeitverschwendung, er hindert die Menschen daran, die Schönheit der Wirklichkeit anzuerkennen, wie man sie naturwissenschaftlich und rational erfassen kann.*

(*Richard Dawkins: „Die Poesie der Naturwissenschaften“, Ullstein)

Viele Menschen suchen im Glauben Trost, nicht Erkenntnis.

Aber warum dieser Aberglauben gerade jetzt – in einem Jahrhundert, in dem wir schon so viel über das Leben, die Erde und das Universum wissen und auf der Schwelle zu neuen bahnbrechenden Erkenntnissen stehen? Das ist so eine großartige Aussicht, dass mich die Leidenschaft packt und ich leidenschaftlich sauer werde auf diejenigen, die dem Wissensfortschritt systematisch Steine in den Weg legen.

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