Der unantastbare Glaube


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Ich erinnere mich, wie die Menschen aus den brennenden Türmen sprangen. Ich nahm Bush damals nicht ernst, als er sagte: Die Terroristen hassen uns für unsere Freiheiten.
 

Von Jonathan Raphael

Terror ist nach fünfzehn Jahren ein Codewort geworden für Islamismus. Jetzt will der Senat die Codierung beenden. Sie verwirrt diesen Terror mit anderen Formen, entmenschlicht die Opfer des Islam und erschwert die Auseinandersetzung mit ihm. Obama weigert sich. Die Mehrheit der Muslime sei friedlich und deute den Islam also richtig (er ist eine Religion des Friedens).

Natürlich ist die relative Zahl der Märtyrer (darauf läuft es hinaus, den Westen anzugreifen) gering. Was nicht mehr codiert oder verschleiert werden darf: Die Angriffe auf den Westen, der Islam und die Verhältnisse in den islamisch-mitregierten Staaten bilden ein Kontinuum. Von friedlichen Muslimen und einer Religion des Friedens zu reden, ist in der Tat Appeasement.

Westliche Muslime sprechen nicht für den Islam. Die Verhältnisse in islamisch-mitregierten Staaten sprechen für den Islam. Gruppen wie der Islamische Staat vertreten dieselben Regeln, unter denen die Mehrheit aller Muslime weltweit leidet. Ganz banal und ohne Aufschrei droht Schwulen, Atheisten und Konvertiten im Nahen Osten Verfolgung und oft die Todesstrafe (die einzige freie Gesellschaft dort ist Israel). Eine winzige Minderheit der Frauen im Islam kann davon träumen, sich nach Laune zu kleiden oder zu heiraten, wann und wen sie will.

Religiöse Gewalt und Rechte

Die Regime, Kriege, Genozide und generelle Rückständigkeit des Nahen Osten haben natürlich mit der Religion zu tun. Deutungen haben sich an der Wirklichkeit auszurichten, andersrum ist es Schönfärberei. Prägung (aus Jahrhunderten der Kirchenherrschaft) gibt uns ein, den Namen des Glaubens, der mehr getan hat als irgendetwas sonst, das Abendland zu beuteln, gleichbedeutend mit „gut“ zu verwenden (christlich). Die Neigung zu glauben, der Islamische Staat könne mit der wahren Religion nichts zu tun haben (er sei unislamisch), erklärt sich auf dieselbe Weise.

Bezeichnend auch, dass sich Deutschlands Kirchen nach 1945 im Widerstand zeigen. Wer über die Verstrickung der Kirche, die Religiosität Nazideutschlands und die Vorgeschichte der Shoah liest, wird sich wundern. Moderne Hobbyreligiosität (Sonntagsglaube oder glauben, bis es beinah ernst wird) verträgt sich schlecht mit dem, was der Monotheismus ist, wo er herrscht wie heute in der Dritten Welt, der islamischen Welt und in Nischen noch bei uns. Als Phänomen des Kulturalismus waren Kinderehen bis eben (September 2016) erlaubt. Erst nach den Anschlägen im vergangenen Sommer (bei denen Deutsche der religiösen Gewalt in Deutschland persönlich begegnet sind) fanden wir den moralischen Kompass wieder.

Neu ist die Islamophobie-Hysterie. Das Wort Islamophobie ist instrumentalisierte Sprache. Es macht eine Ideologie, einen Glauben (so vielfältig der Islam sein mag), unantastbar. Wer ohne Selbstzensur redet, begibt sich in Terrorgefahr und wird zugleich als Populist isoliert. Die Liste ernsthafter Islamkritiker ist voller Fatwas. Wer sonst hat ins Schwarze getroffen, wenn nicht Konvertiten wie Ayaan Hirsi Ali.

Seit Theo van Goghs Tod wird Islamkritik wahrgenommen wie Rassismus. Nicht islamische Gewalt wird wahrgenommen, sondern ihre Gegenreaktion amplifiziert. Es gilt das Gebot, Muslime nicht zu reizen. Vierundzwanzig Stunden nach dem Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo brachte Asghar Bukari auf Sky News diese neue Sichtweise auf den Punkt: Europas Umgang mit Muslimen sei wie die Rassentrennung in den Südstaaten der Dreißigerjahre.

In Teilen ist die Islamkritik der neuen Rechten sicher fremdenfeindlich. Solange es keine vernünftige Kritik von Seiten des Mainstreams gibt, wird das nur zunehmen. Man begegnet der neuen Rechten genauso falsch wie den Muslimen. Die einen behütet man vor nötiger Kritik, die anderen erklärt man rundheraus für schlecht. Überall fehlt Glaubenskritik (rein sachliche, atheistische Auseinadersetzung mit Ideen) und echter Respekt vor den Menschen.

Die Niederschlagung immer neuer Terrorgruppen wird den Islamismus nicht besiegen. Sogar umgekehrt, die Radikaliserung setzt sich fort—auch in Nischen des Westens. Gerade jetzt im Informationszeitalter, mit seiner eigenen Ahistorität und Fragmentierung, brauchen wir ein klares Bekenntnis zur Vernunft. Die Islam-Auseinandersetzung, die den Republikanern im Senat von Obama vorschwebt, wäre bestimmt kein guter Kompromiss. Zu sehr hängen die amerikanischen Politiker heute (die Gründerväter waren anders) am Christentum und einer provinziellen Vorstellung von Amerika. Bessere Alternativen liegen an uns.

Was macht eine freie Gesellschaft aus?

Wie wir handeln, ergibt sich immer aus dem, was wir glauben. Auf der einen Seite steht das Glauben, das mit der Welt einen (mehr oder weniger) logischen Dialog führt, das (mehr oder weniger) kluge Glauben. Daneben steht der unantastbare Glaube, abgehoben von der Wirklichkeit: Religionen, Sekten, privater Wahn und weltliche Ideologien.

Die Kritik-Tabuisierung (Islamkritik gleich Islamophobie) ist die Umkehr der Tabu-Kritik der Aufklärung, ein Verrat an den Idealen der eigenen Gesellschaft. Man tut fast so, als kenne das kritiklose Geltenlassen potentiell gefährlicher Ideen nur die Alternative einer Dystopie wie in Minority Report. Glaubenskritiker erscheinen uns, wenn nicht als Nazi, doch als Faschisten der Gedankenpolizei. Dieser Haltung liegt ein Begriff von Freiheit zugrunde, der sein Gegenteil bedeutet.

Nicht nur folgt unser Handeln immer aus dem, was wir von Moment zu Moment glauben, sondern auch Freiheit, die immer persönliche Freiheit ist, besteht nur in bestimmten Formen der Gesellschaft. Solche sind mehrmals in der Geschichte entstanden. Das frühe Bagdad ist ein Beispiel aus dem Mittelalter. Während Europa vom Christentum in einen Fieberwahn versetzt worden war, herrschte relative Offenheit im Kalifat, ein Pragmatismus, zeitweise fast frei von Dogmatismus, mit bleibenden Errungenschaften. Das hier entscheidende ist aber, dass diese Blütezeit zu Ende ging, als Ghazali die Theologie zur zentralen, zur einzigen Wissenschaft im Islam etablierte, und dass seit tausend Jahren keine Tradition des Humanismus oder der Wissenschaft im Islam entstehen konnte.

Wie in der islamischen Welt bis heute sichtbar, bilden Monotheismus und Feudalstaat eine natürliche Einheit. Europa begann sich ab der Renaissance vom Monotheismus zu erholen. Das betraf Christen und Juden, die in Europa lebten. Wie man sich an die Vorbilder aus der Antike erinnerte, wuchs die Skepsis am Obrigkeitsdenken. Von der Kirche zunächst verfolgt und dann Schritt für Schritt absorbiert (die Kirche behauptet heute, sie entstünden aus ihr) entstanden Wissenschaft und Humanismus erneut.

Es ist die Essenz jeder Religion, bereits etablierte Weisheiten mit absurden Behauptungen zu verwirren. In der ersten Phase des Wiedererwachens der Vernunft in Europa riskierte sein Leben, wer die alten Ideen anzweifelte. Man tat es oft nur indirekt, verdeckt. Atheisten in Ländern wie Saudi-Arabien und dem Iran sind noch heute gezwungen, es so zu tun. In Europa entstand eine Streitkultur, angelehnt an das Beispiel der Griechen und Römer, die Streitkultur der Aufklärung. Die Virginia Bill of Rights 1776 (die erste moderne Grundrechtserklärung) und die amerikanische Revolution waren ihr Sieg. Hier fanden konstitutive Form: die Glaubensfreiheit, die Trennung von Kirche und Staat, die Meinungsfreiheit, das Petitionsrecht, das Versammlungsrecht und die Pressefreiheit.

Das sind die Fundamente freier Gesellschaften, und freie Gesellschaften sind das Merkmal der modernen Zivilisation. Die Welt ist besser durch sie, bei allen Fehltritten des Westens. Neben Semperoper und Ballermann mag die Einfachheit des Glaubens ein Idyll erscheinen. Unsere Freiheiten gelten mehr.

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