Über Luther, den Adel und die Juden – eine Anmerkung zum Schweigen der Evangelischen Kirche


Bild: HOFFMANN UND CAMPE Autor: Jutta Ditfurth Titel: Der Baron, die Juden und die Nazis ISBN: 978-3-455-50394-4
Bild: HOFFMANN UND CAMPE
Autor:
Jutta Ditfurth
Titel:
Der Baron, die Juden und die Nazis
ISBN:
978-3-455-50394-4

Im kommenden Jahr ist der Höhepunkt der Lutherdekade, einer zehnjährigen Reihe von Veranstaltungen, Ausstellungen und Festakten. Finanziert wird die Sache u.a. von Evangelischer Kirche und Staat. Kaum eine Rolle spielt Luthers Hass auf die Juden und auf aufständische Bauern. Deshalb hier eine Anmerkung:

Von Jutta Ditfurth

[…] Ganz Realpolitiker, schlug Luther sich am Ende auf die Seite der Sieger, der Fürsten. Der Protestantismus diente ihren Interessen. Knapp 400 Jahre sollte es so noch dauern, bis die Herrschaft der adligen Großgrundbesitzer über Leute und Land abgeschafft sein würde. Während Luther sich der christlich-adligen Obrigkeit andiente, hetzte er gegen die Juden, voller Wut auch darüber, dass sie sich von ihm, dem großen Reformator, nicht hatten missionieren lassen. In seinen frühen Jahren hatte er noch bemängelt, dass man von den so »viehisch traktierten« Juden nicht erwarten könne, dass sie sich zum Christentum bekannten. Der ältere Luther marschierte mit ungeheurer Wucht in die Schlacht gegen die Juden.

Es war die Zeit, in der die alten antisemitischen Stigmata – Ritualmord, Hostienschändung, Brunnenvergiftung, Mord an christlichen Kindern – auch von anderen Autoren und Rednern neu belebt wurden. Katholische Orden wie die Dominikaner stachelten den Hass gegen die Juden auf, etwa Jakob von Hochstraten, ein fanatischer Verfechter der Inquisition. Texte wie die des katholischen Theologen Johannes von Eck entstanden, aus denen sich später nicht nur Julius Streicher für seinen Stürmer bediente. Die Juden sollten Zeichen tragen, waren es nicht wert, als Zeuge gegen Christen aufzutreten, sollten kein Gewerbe ausüben dürfen, sich aber zwingen lassen, christliche Predigten anzuhören.

Luther schrieb derb, brutal und von keinerlei Weltläufigkeit angehaucht, wie sie manch klügeren Kopf in den großen Städten Europas beeinflusste. Er lebte »in einer Krähwinkelstadt« und hatte sich dort »in ein enges Gehäuse eingesponnen«, wo er »jedem Klatsch gegen die Juden sein volles Ohr« lieh. Alles missionstaktische Verständnis für die miese Lage der verstockten Juden verflüchtigte sich. Er saugte jeglichen Antisemitismus seiner Zeit begierig auf, reicherte ihn an, um ihn schließlich mit seinen Schmähschriften Über die Lügen der Juden (1542/43)46 und Vom Schem Hamphoras und vom Geschlechte Christi (1544) hochgiftig konzentriert wieder auszuspeien.

In den Lügen der Juden schrieb er: »Was klagen die Juden über harte Gefangenschaft bei uns, wir Christen sind beinah 300 Jahre lang von ihnen gemartert und verfolgt, daß wir wohl klagen möchten, sie hätten uns Christen gefangen und getötet. Dazu wissen wir noch heutigen Tages nicht, welcher Teufel sie in unser Land gebracht hat. […] Land und Straßen stehen ihnen jetzt offen, mögen sie ziehen in ihr Land, wir wollen gern Geschenke dazu geben, wenn wir ihrer los wären, denn sie sind uns eine schwere Last, wie eine Plage, Pestilenz und eitel Unglück in unserem Lande sind.«

Fast höhnisch zählte Luther auf, wo und warum die Juden überall vertrieben worden seien. Der »Reformator« machte praktische Vorschläge, wie man gegen die Juden vorgehen könne: Er empfahl, ihre Synagogen zu verbrennen, ihre Bücher zu beschlagnahmen, ihre Gebete zu verbieten, sie zu harter körperlicher Arbeit zu zwingen, die Fürsten sollten sie aus ihren Ländern austreiben und die Obrigkeit und die Pfarrer überall ihre Pflicht gegen die Juden tun und ihre Gemeinden mit giftigem Hass gegen die Juden erfüllen. Wenn ich Gewalt über die Juden hätte, sagte er, würde ich ihre Gelehrten und Besten versammeln und ihnen mit der Androhung, »ihre Zungen hinten am Halse herauszuschneiden, den Beweis auflegen, daß das Christentum nicht einen einzigen Gott, sondern drei Götter lehre«. Wenn die Juden »uns könnten alle töten, so thäten sie es gerne und thun es auch oft, sonderlich die sich vor Ärzte ausgeben«.

Die alten katholischen, oft sophistischen Reden gegen die Juden waren abgenutzt, die Sprache des Begründers des Protestantismus aber war neu, volkstümlich und wirkungs- voll. Robert Schlickewitz: »Die Stimmführer des Katholicismus verlangten von ihnen lediglich Unterwerfung unter die kanonischen Gesetze, gestatteten ihnen aber unter dieser Bedingung den Aufenthalt in den katholischen Ländern. Luther aber verlangte ihre vollständige Ausweisung. Die Päpste ermahnten öfter, die Synagogen zu schonen; der Stifter der Reformation dagegen drang auf deren Entweihung und Zerstörung.« Luther trug »die Schuld daran, daß die protestantischen Fürsten sie bald aus ihren Gebieten ver- wiesen«.

In seiner Streitschrift Schem Hamphoras verwünschte Luther die Juden noch rasender: »Denn es ist ebenso möglich, die Juden zu bekehren, wie den Teufel zu bekehren. […] Denn ein Jude oder jüdisch Herz ist so stock-, eisen-, teufelshart, dass es mit keiner Weise zu bewegen ist. […] Summa, es sind junge Teufel, zur Hölle verdammt«.

Er veröffentlichte wahnwitzige Phantasien über die Zauberkünste der Juden, über die Verwandlung ihres Kotes und ihres Urins in Scharfsinnigkeit und dergleichen mehr. Hetzbilder, die in der deutschen Romantik wieder auftauchen sollten. Luther nahm Einfluss auf die Entscheidungen in Sachsen, Brandenburg und Schlesien, die Lage der Juden zu verschlechtern. »Er hat in Wahrheit unsere Lage sehr gefährlich gemacht!«, schrieb Josel von Rosenheim (1476– 1554), ein berühmter Verteidiger der jüdischen Gemeinden in religiösen und Rechtsfragen seiner Zeit.

»Vor die Entscheidung gestellt«, schreibt Léon Poliakov, »verbündete er [Luther] sich mit den Mächtigen dieser Welt, den Fürsten, da von ihnen die Zukunft der Reformation abhängt. Dadurch wurde die schöne Reinheit seiner Lehre getrübt; auf jeden Fall muss er sich mit all dem in seinem Namen vergossenen Blut und mit all den so begangenen Verbrechen abfinden. […] der inneren Freiheit stellt er die unwandelbare, durch Gott eingesetzte Ordnung der Dinge der Welt entgegen. Die Pflicht zum Gehorsam schiebt sich an die erste Stelle; der Christ muss ein zuverlässiger und gehorsamer Untertan bleiben. So führt […] die totale Freiheit zu einer totalen Verknechtung. Der Erzengel des Aufruhrs wandelt sich in einen verbitterten und despotischen Spießbürger.«

In Preußen setzten sich Reformation und Luthertum durch und damit eine jahrhundertelange Erziehung zu unbedingtem, vermeintlich gottbefohlenem Gehorsam, diese mörderische Seite »deutscher Leitkultur«, die so viele Kinder und junge Leute zerbrach.

Quellen im Buch.

Auszug aus:
Der Baron, die Juden und die Nazis. Adliger Antisemitismus, Hamburg: Hoffmann & Campe 2013/2015

Bezugsadresse (mit Signatur, Widmung und kleiner Zeichnung) in meinem bookstore:
http://www.jutta-ditfurth.de/allgemein/bookstore.htm#Baron

3 Gedanken zu “Über Luther, den Adel und die Juden – eine Anmerkung zum Schweigen der Evangelischen Kirche

  1. Auch dies war Luther:

    „… aus Bettlern Herren zu machen“

    In einem Roman Jörg Wickrams, eines Zeitgenossen der Reformation, steigt ein armer Bürgerlicher, durch Unterricht und Universitätsbildung befähigt, in höchsten Staatsämtern auf und wird zum Herrn bestimmt über seinen adligen Altersgenossen und Ziehbruder. Auch eine bürgerliche Umwälzung, auf friedli¬chem Wege. Die Notwendigkeit einer soliden Erziehung und Unterrichtung in Schulen und Universitäten begründete in seinem theoretischen Schrifttum Mar¬tin Luther („An die Ratsherrn aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und unterhalten sollen“, 1524; „Eine Predigt, daß man Kinder zur Schule anhalten solle“, 1530). »Erziehung wider Adelsprivilegien«, so heißt die Leitlinie; sie heißt: »Bildung contra Geburtsadel«. Es wird deutlich: Die Reformati¬on setzte eine „Bildungsreform“ größten Ausmaßes auf die Tagesordnung, und das Ziel lautete: Einholung der Adelsprivilegien durch Aneignung von Wissen und Bildung; Beteiligung des Bürgertums an der Macht.

    (…) So sollen wir erkennen, daß Gott große Wunder tut. Es ist geradezu seine Hantie¬rung, aus Bettlern Herren zu machen, so wie er alle Dinge aus nichts verfertigt. Solch Handwerk wird ihm keiner verbieten noch behindern. Er läßt darüber unter allen Men¬schen Großes rühmen (Ps. 113,5-8): „Wer ist wie der Herr, der in solcher Höhe sitzt und so tief hernieder sieht? Der den Geringen aus dem Staube aufrichtet, den Armen aus dem Kot erhöht, um ihn Platz nehmen zu lassen zwischen den Fürsten, wahrhaftig zwischen den Fürsten seines Volks?“ Schau um dich her: Was gilt die Wette, daß dieser Psalm sich bewahrheitet und daß es dafür an allen Königs- und Fürstenhöfen, in Städten und Pfar¬reien viele überzeugende Beispiele gibt? Da wirst du sie finden: Juristen, Doktoren, Räte, Schreiber, Prediger, die in der Regel arm gewesen sind und bestimmt alle einmal Schüler waren, sich dann durch die Wissenschaft hochgeschwungen haben und in die Höhe flo¬gen, so daß sie jetzt Herren sind, wie es dieser Psalm aussagt. Wie die Fürsten selber hel¬fen nunmehr sie Land und Leute regieren. Gott will es nicht haben, daß geborene Könige, Fürsten, Barone und der Adel allein regieren sollen und herrschen. Er wünscht auch seine Bettler dabeizuhaben. Sonst dächten jene Adligen, die edle Geburt allein mache Herren und Regenten und nicht Gott allein.

    Man sagt – und das ist die Wahrheit -: Selbst der Papst ist einstmals zur Schule gegan¬gen. Darum verachte mir nicht die jungen Leute, die vor der Tür betteln: „Panem prop-ter Deum“ („Brot, in Gottes Namen“). Ich bin auch früher ein solcher „Partekenhengst“ gewesen (Schüler, der um des Brots willen singt) und habe das Brot vor den Haustüren gesammelt. Besonders in Eisenach, meiner lieben Stadt. Allerdings schickte mich später dann mein lieber Vater, der liebevoll für mich sorgte, auf die Universität zu Erfurt. Er hat mühevoll arbeiten und sauren Schweiß vergießen müssen, damit ich dahin käme, wo ich hingekommen bin. Aber die Wahrheit ist: Ich bin ein Partekenhengst gewesen und dem angeführten Psalm gemäß durch die Schriftstellerei so weit gelangt, daß ich jetzt nicht mit dem türkischen Sultan tauschen möchte um den Preis, daß ich für seine Besitztümer mein Wissen hingeben müßte. Ja, ich wollte alle Güter der Erde selbst verdoppelt und verdrei¬facht nicht dafür annehmen. Und doch wäre ich zweifellos nicht dahin gelangt, wenn ich nicht in die Schule gegangen und an die wissenschaftliche Schriftstellerei geraten wäre.433 Es erschien dem Reformator als eine unabweisliche Notwendigkeit, in den pro¬testantischen Territorien das gesamte Erziehungswesen neu zu ordnen.

    Es war in den Anfangsjahren der Reformation nahezu völlig zusammengebrochen. Bis dahin hatte es in den Händen der alten Kirche gelegen. Mit ihrer Zurückdrängung, besonders auch mit der Verminderung der Anzahl der Klös¬ter und Klostergeistlichen ging die Ausbildung zurück, und zwar nicht bloß die klösterliche. Es verfielen ebenfalls Schulen und Universitäten. Adressat der Forderungen Luthers waren insbesondere die Räte und Bürger der Städte. Den Eltern schärfte er wiederholt ein, daß von allen „Werken“ die Erziehung das Gott genehmste sei:

    Das aber sollen die Eheleute wissen, daß sie Gott, der Christenheit, der ganzen Mensch¬heit, sich selber sowie ihren Kindern keine bessere Ausrüstung, keinen höheren Nutzen schaffen können, als wenn sie sie gut erziehen. Es ist nichts mit Wallfahrten nach Rom, nach Jerusalem, nach St. Jakob. Es ist nichts mit dem Kirchenbau, Messenstiften oder was immer sonst zu den „Werken“ gerechnet werden kann, nichts verglichen mit dieser einzigartigen Tat: daß die Eheleute ihre Kinder auferziehen…. (1530)

    ———
    431 Heiliger (16. 9.), geb. ca. 200-258 (in Karthago enthauptet)
    432 In: „Vom ehelichen Leben“ (l 522) Vgl. WA 295 ff..

    [Aus Beutin, »Der radikale Doktor Martin Luther«, . S.264 f.]

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  2. So habe ich Luther bisher auch gesehen → https://stahlbaumszeitfragenblog.wordpress.com/2015/10/30/tiefe-wurzeln-eine-kurzgeschichte-aus-dem-jahre-1954-zum-reformationstag-2015/ ,
    der „ganze Luther“ muss aber anders beurteilt werden. Derzeit lese ich das sehr umfang- und detailreiche Buch von Wolfgang Beutin: »Der radikale Doktor Martin Luther« → https://stahlbaumszeitfragenblog.wordpress.com/…/bucht…/
    Wolfgang Beutin, einer von uns, hat sich wie kaum ein anderer jahrzehntelang kritisch mit Luther und dessen gesamtem Schriftwerk, sowie mit allen anderen Reformatoren befasst und kommt zu überraschenden Schlussfolgerungen, die er mit zahlreichen, z. T. von ihm in unsere heutige Sprache übertragenen Zitaten belegt.

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