Rettet die Freiheit – auch die der anderen


Bild: HUFFPO Religion
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Der Islam gilt als grösste Herausforderung für unsere Toleranz. Dabei stellt er weder eine Antithese zum Westen dar, noch kann er allein für das Verhalten von Muslimen verantwortlich gemacht werden.

Von Kristin Helberg | Neue Zürcher Zeitung

Es ist schwer, dieser Tage die Freiheit zu verteidigen. Denn viele meinen damit nur noch, ihre eigene Freiheit zu denken und zu tun, was sie für richtig halten. Dass damit die Freiheit der anderen einhergeht, Dinge ganz anders zu machen als sie selbst, wollen sie nicht wahrhaben. Dabei beginnt genau hier die Toleranz. Sie tut weh, weil wir Meinungen und Verhaltensweisen ertragen müssen, die uns gegen den Strich gehen. Etwa wenn jemand sein Gesicht tätowiert oder verhüllt, wenn Männer Männer küssen und Frauen lieber nicht die Hand eines fremden Mannes schütteln.

Vor 130 Jahren waren es die Juden

Womit wir beim Islam wären, der scheinbar grössten Herausforderung für unsere Toleranz. Er gilt als Quelle von Terror, Frauenfeindlichkeit und Gewalt, weswegen sich mancher Retter des «jüdisch-christlichen Abendlandes» berufen fühlt, gegen eine «Islamisierung» zu kämpfen. Schade nur, dass er dadurch die Grundfesten unserer freiheitlichen Ordnung, die er vermeintlich retten will, zu Grabe trägt. Er müsste es besser wissen. Denn der öffentliche Diskurs folgt einem Schema: Vor 130 Jahren waren es die Juden, denen man in Deutschland verweigerte Integration und Parallelgesellschaften unterstellte. Damals ging es um die Unvereinbarkeit des jüdischen Rechts mit den Werten der Mehrheitsgesellschaft, ganz so, wie wir es heute über «die Scharia» lesen. Tatsächlich wurde aus dem «christlichen Abendland» erst nach dem Holocaust das «jüdisch-christliche Abendland». Der Ausdruck soll folglich das schlechte Gewissen der Deutschen beruhigen, die Geschichte bereinigen und als Kampfbegriff alles Islamische ausschliessen.

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