Verheiratete Ex-Priester kritisieren die Doppelmoral der Kirche


Paragrafen sind wichtiger als Seelsorge und Menschen.“ Alfred Schlotter spricht diesen Satz mit Bedacht, aber ohne Groll aus. Gemünzt ist er auf die katholische Kirche, mit der Schlotter eine komplizierte Beziehung führt. „Im Rückblick ist es heute leichter zu beschreiben“, sagt der 73-Jährige nachdenklich über das, was man seinen „inneren Abschied“ nennen kann, und klopft dabei leicht auf ein neben sich liegendes Sofakissen.

Von Mara Braun | Allgemeine Zeitung

„Man geht sozusagen von einem Ufer zum anderen. Ich habe insgesamt fünf Jahre gebraucht für diesen Weg.“ Das Ufer, das er hinter sich ließ: das Zölibat und der Beruf als Priester. Dort, wo er ankam: seine Frau, mit der er heute über 40 Jahre verheiratet ist und zwei erwachsene Kinder hat.

„Ich fühlte mich nie zur Ehelosigkeit berufen“, sagt Schlotter offen und schiebt nach, so gehe es vielen Kollegen. „Man nimmt es aber notgedrungen für den Job in Kauf.“ Die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF) schätzt, dass 33 Prozent aller Priester in heimlichen heterosexuellen Partnerschaften leben, weitere 33 Prozent in homosexuellen Beziehungen. Zahlen, die zunächst unvorstellbar erscheinen, was Schlotter mit einem leisen Lächeln kommentiert: „Glauben Sie mir, es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Das Licht der Nachmittagssonne fällt ins Wohnzimmer, der ehemalige Priester nimmt einen Schluck aus seiner Tasse. „Konkreter: In der katholischen Kirche ist fast alles möglich, aber fast nichts offiziell.“

Dass Paragrafen wichtiger seien, als die Menschen, diese Bemerkung ist gemünzt auf die Reaktion der Kirche, wenn ein Geistlicher seine Beziehung meldet. „Da geht es nicht um die Betroffenen, die Frau, vielleicht Kinder. Man will ihn halten. Dafür werden auch gerne mal sämtliche Augen zugedrückt.“ Das habe er immer als unchristlich empfunden. Für den Priester und alle Beteiligten beginne eine schwierige Zeit. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand diesen Weg leicht geht. Das ist ein massiver Konflikt, eine Lebensangst.“

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