Tod und Tabu


Das Virginitätsideal ist das Ideal jener, die entjungfern wollen. Karl Kraus Bild: DIE KOLUMNISTEN
Das Virginitätsideal ist das Ideal jener, die entjungfern wollen. Karl Kraus Bild: DIE KOLUMNISTEN
In ihrer bedeutenden Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels fragte sich Carolin Emcke weshalb Rassisten, Sexisten, Neu- und Altrechte und religiöse Fundamentalisten die Würde so vieler Menschen mit solch perfider Verbissenheit verletzten und deutete an, dass es vielleicht gar nicht um die Angegriffenen geht, sondern um die phantasierte Würde der Angreifer. Zu glauben gleiche Rechte für Alle, für Asylanten, Flüchtlinge, LGBTI-Menschen, Frauen, Kinder und andere, nähmen niemandem etwas weg, sondern erweiterten doch den Kreis der frei und demokratisch lebenden Menschen, ist allerdings naiv. Diejenigen, die Liberalisierungen im sozialen und politischen Miteinander bekämpfen, verlieren tatsächlich etwas: ihre Deutungshoheit und damit die Macht über das Leben anderer. Wolfgang Brosche untersucht, wie das im speziellen Fall der „Demo für Alle“ aussieht.

Von Wolfgang Brosche | DIE KOLUMNISTEN

Die „Demo“ und ihr Verlangen nach Tabus

Hedwig Beverfoerde (zu deren Adels-„von“ später noch manches zu sagen sein wird), die Führerin der aufklärungs- und homosexuellenfeindlichen „Demo für Alle“, hat sich für Deutschland an die Spitze einer europaweiten Initiative gesetzt, deren Ziel es ist, die EU zu veranlassen, die Ehe für alle Zeiten einzig als eine Gemeinschaft zwischen Mann und Frau gesetzlich festzuschreiben.

Vor Kurzem mokierte Beverfoerde sich auf ihrer Facebookseite über die Warnung einer Elternzeitschrift vor der Infiltration von Schulen und Kindergärten mit rechtem Gedankenschlecht durch die zur (und mit) Indoktrination missbrauchten Kinder von Neonazis. Die rechten Leser empörten sich in ihren Kommentaren dazu in dem Tenor: nun würden schon Eltern, die ihre Kinder zu Gehorsam und Wohlverhalten erzögen und sie anständig kleideten und kämmten bereits als rechte Gesellen diffamiert. Unsere Gesellschaft mutiere zur linken Diktatur, in der die Elternrechte einkassiert würden.

Nach ihrem vergeblichen Kampf gegen neue Bildungspläne in Baden-Württemberg und Niedersachsen, versuchen Beverfoerde und ihre Kohorten es nun in Hessen und drohen mit neuem Protest in Wiesbaden.

Der jüngste Coup der „Demo für Alle“ ist ein Besuch ihrer Führerin Beverfoerde und deren journalistischer Kooperationspartnerin Birgit Kelle beim Bayrischen Kultusminister Ludwig Spaenle. Selbst im reaktionären Freistaat gibt es Pläne für eine sachte Unterrichtsreform in Sachen LGBTI-Rechte und Lebensrealität. Dagegen läuft Beverfoerdes Organisation seit Längerem auch in anderen Bundesländern Sturm. Man überreichte dem Minister einen Forderungskatalog, der nichts weniger als am Rande der Volksverhetzung zusammengeschmiert war. Ziel: keine Akzeptanz von Homosexualität und Homosexuellen; kein Gespräch darüber in der Schule, also Schweigen von den Realitäten der Gefühle, der Lust und des Begehrens; Sexualität solle als Verantwortungsaufgabe für die heterosexuelle Fortpflanzung vermittelt werden.

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