„Die Stadt ohne Juden“: Ein Stummfilm findet sein verschollenes Ende


Filmausschnitt aus "Die Stadt ohne Juden" von Hans Karl Breslauer (1924). / Bild: Filmarchiv Austria
Filmausschnitt aus „Die Stadt ohne Juden“ von Hans Karl Breslauer (1924). / Bild: Filmarchiv Austria
Der österreichische Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ war bisher nur unvollständig erhalten. Die fehlenden Teile, die nun restauriert werden sollen, zeigen, wie radikal die Antisemitismus-Prophezeiung von 1924 war.

Von Katrin Nussmayr | DiePresse.com

Es war eine Prophezeiung von erstaunlicher Radikalität und Weitsicht: „Die Stadt ohne Juden“, der 1924 erschienene österreichische Stummfilm nach Hugo Bettauers gleichnamigem Roman, nahm als weltweit erster Film vorweg, wohin der grassierende Antisemitismus führen könnte: Aus einer Stadt namens Utopia, in der Angst vor sozialem Abstieg, Groll auf Spekulanten und Judenhass den Alltag prägen, werden alle Juden verbannt. Die Großdeutschen wie der rabiate Rat Bernart (Hans Moser mit einem Gerät von einem Schnurrbart) freuen sich, doch sonst ist damit kein Problem gelöst: Der Film von Regisseur Hans Karl Breslauer zeigt auf drastische, wenn auch satirische Weise, wie die Vertreibung der Juden die Stadt kulturell und wirtschaftlich völlig in den Ruin zu treiben droht.

Wie die Geschichte ausgeht, ist in der bekannten Filmversion aber nicht zu sehen: Am Schluss wird das Gesetz, mit dem die Juden ausgewiesen wurden, wieder gekippt, Hans Moser landet in einer expressionistischen Szene im klaustrophobisch verzogenen Raum eines Irrenhauses und glaubt, von Davidsternen verfolgt zu werden. Die Szene ist nur bruchstückhaft enthalten und zeigt schon Zersetzungserscheinungen. „Hier endet der erhaltene Film“, liest der Zuschauer, wie es weitergehen sollte, wird nur schriftlich kurz erzählt: Bernart wacht im Gasthaus auf, die Irrenhaus-Szene stellt sich ihm als Traum heraus. Er findet auch zur Vernunft: „Wir sind ja alle nur Menschen und wollen keinen Hass. Leben wollen wir – ruhig nebeneinander leben.“

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