„In der Türkei ist jeder zweite ein potenzieller ‚Terrorist‘, so lächerlich ist die Situation“


 Verhaftungswelle gegen kurdische Oppositionelle: Die HDP-Politikerin Sebahat Tuncel wird in der Kurdenmetropole Diyarbakir von der Polizei abgeführt. © Ilyas Akengin/AFP
Verhaftungswelle gegen kurdische Oppositionelle: Die HDP-Politikerin Sebahat Tuncel wird in der Kurdenmetropole Diyarbakir von der Polizei abgeführt. © Ilyas Akengin/AFP
In der Türkei steigt der Druck auf Regierungskritiker und Kurden. Esra Mungan, Dozentin in Istanbul und selbst im Visier der türkischen Justiz, spricht im stern-Interview über die Lage in ihrem Land und den zerstörten Ruf Europas.

Interview Marc Drewello | stern.de

Frau Mungan, Anfang des Jahres haben Sie gemeinsam mit mehr als 1000 Wissenschaftlern eine Petition mitorganisiert und unterzeichnet, in der die türkische Regierung aufgefordert wurde, ihre „Vernichtungs- und Vertreibungspolitik“ im kurdisch geprägten Südosten des Landes zu beenden und die Friedensverhandlungen mit den Kurden wieder aufzunehmen. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat ihnen deshalb „Verrat“ vorgeworfen, es läuft ein Prozess wegen angeblicher „Propaganda für eine Terrororganisation“ gegen Sie – und Ankaras Feldzug gegen die Kurden geht weiter. Nun hat die türkische Polizei sogar mehrere Abgeordnete der pro-kurdischen HDP festgenommen, darunter die beiden Vorsitzenden der Oppositionspartei. Warum geht die türkische Justiz so hart gegen die HDP vor?

Der „Feldzug gegen die Kurden“, wenn ich Ihren Ausdruck benutzen darf, hatte eigentlich nie aufgehört. Zum Beispiel im Jahr 2009 wurden tausende von kurdischen Politikern verhaftet. Dies war die Zeit der Fethullah Gülenists. Und heute, nachdem nun die gleiche Bewegung von der Regierung als Erzfeind ernannt ist, sind wir Augenzeugen der Verhaftung von Abgeordneten, die sechs Millionen Stimmen in der gesamten Türkei vertreten!

Damals aber kümmerten sich die Meisten im Westen der Türkei nicht sehr um diese Ereignisse. Sehr viele sogar, die sich als Demokraten ansahen, hatten jene Unterdrückungen sich selbst gegenüber immer irgendwie verteidigen oder zumindest trivialisieren können. Schon damals hatte man gewarnt, dass jegliche Unterdrückung in den kurdischen Gebieten mit Sicherheit eines Tages auch weitverbreitet im Westen der Türkei erlebt werden wird, weil das Problem nicht nur die Kurden sind, sondern die Forderungen nach Demokratie, Freiheit und Gleichheit. Dass jene Prophezeiung richtig war, konnten wir leider sofort 2013 während der Gezi-Proteste sehen. Selbstverständlich hatten jegliche links-orientierte Gruppen und/oder die alevitische Bevölkerung gewaltsame Unterdrückungen schon längst erlebt, auch im Westen, aber auch diese Gruppen wurden ständig als marginal bezeichnet.

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