Ist „Stalin erst gestern gestorben“?


f6b81-rusland_stalin_kalender_mei_2013Eine Konferenz, die Ende Oktober unter der Überschrift „Kultur und Macht in der UdSSR in den 1920er-1950er Jahren“ in Sankt Petersburg stattfand, befasste sich auch mit dem Stalin-Kult im heutigen Russland und mit seinen Widersachern.

Von Leonid Luks | DIE KOLUMNISTEN

Wie lässt sich der bizarre Stalin-Kult, der die politische Kultur des heutigen Russland so belastet, eindämmen? Warum sind solche Einrichtungen, wie z.B. „Memorial“, die sich seit Jahren mit der Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit befassen, nicht imstande, breitere Bevölkerungsschichten zu beeinflussen und der historischen Wahrheit entscheidend zum Durchbruch zu verhelfen? Auch mit diesen Fragen befasste sich die neunte Konferenz aus dem Zyklus „Geschichte des Stalinismus“, die Ende Oktober in Sankt Petersburg stattfand. Zwar werden diese Konferenzen von zahlreichen Einrichtungen, auch von „Memorial“, mitorganisiert, eine federführende Rolle spielt hier indes der Moskauer Verlag ROSSPEN (Russische Politische Enzyklopädie), der vor acht Jahren diesen Konferenz-Zyklus ins Leben gerufen hatte. Auch die Buchreihe des Verlages, die ebenfalls den Titel „Geschichte des Stalinismus“ trägt und inzwischen etwa 160 Bände zählt, setzt sich mit der stalinistischen Vergangenheit schonungslos auseinander.

Schriftsteller als „Stellvertreter Stalins“

Den thematischen Schwerpunkt der Petersburger Konferenz stellte die ambivalente Einstellung Stalins und der Stalinisten zur Kultur bzw. zu den Kulturschaffenden, insbesondere zu den Schriftstellern, dar. Einige Referenten wiesen darauf hin, dass Stalin sich im Gegensatz zu Lenin, der die Intelligenz äußerst misstrauisch beobachtet hatte, unentwegt um die Einbindung der Schriftsteller und Künstler in sein Herrschaftssystem bemühte. Er sei sich darüber im Klaren gewesen, dass vor allem die Schriftsteller, die „Ingenieure der menschlichen Seelen“, die herrschende Ideologie mit einer besonderen Effizienz propagieren konnten. Und die Rechnung Stalins, so der Historiker Oleg Leibowitsch (Perm), ging auf. Viele Schriftsteller hätten sich in gewisser Weise als „Stellvertreter Stalins“ empfunden und hätten versucht, die geheimsten Wünsche des Kreml-Herrschers zu erraten und sie in die Wirklichkeit umzusetzen. Der Referent sprach sogar von einer Art „mystischer Verbindung“ mancher Autoren mit dem Diktator.

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