Religiöses Dilettieren über Evolution – Schwachsinn


©Oliver Schopf(mfG) derStandard.at
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Wenn es um die Frage geht, wie die Erde und das Leben auf ihr begann, wirken die Fronten verhärtet: Auf der einen Seite findet man mitunter gläubige Menschen, welche den Schöpfungsbericht der Bibel geradezu fanatisch wörtlich nehmen, auf der anderen Seite Wissenschaftler wie zum Beispiel Richard Dawkins, die Einsichten Darwins zur Evolution und ihr eigenes Wort vom „Gotteswahn“ absolut setzen. Keine guten Voraussetzungen für einen fruchtbaren rationalen Dialog.

Die Tagespost

Faszinierend ist deshalb das Gedanken-Projekt, das der renommierte Philosoph, Wissenschaftler und Priester Martin Rhonheimer mit seinem aktuellen Buch „Homo sapiens: die Krone der Schöpfung“, erschienen in der von Christoph Böhr herausgegebenen Reihe „Das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft“, unternimmt. Nennt der 1950 in Zürich geborene Universalgelehrte doch gute philosophische Argumente dafür, das eine mit dem anderen zu verbinden: den Glauben an Gott und die Evolution, sowie den Glauben an den Menschen, der in diesem Prozess als „Höhepunkt und Ziel der Evolution“ auftritt. Rhonheimers Position: „Das eigentlich Neue, das die biologische Evolution selbst niemals hervorzubringen imstande war, ist das Leben des Geistes. Es ist irreduzibel, nicht zurückführbar auf biologische Prozesse.“ Das geistige Leben „entzieht sich dem Horizont jeglicher Naturwissenschaft, da es nicht der Natur entstammt, sondern ,von außen‘ – ab extrinseco – kommt, wohl aber das Stück Natur, welches der Mensch ist, zu etwas ganz Neuem, Einzigartigem formt: zur Krone der Schöpfung, zum geistbeseelten Lebewesen, …“. Eine rein materialistische Kategorisierung des Menschen, daran lässt Rhonheimer keinen Zweifel, sei dieser objektiven Wahrheit nicht angemessen.

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6 Gedanken zu “Religiöses Dilettieren über Evolution – Schwachsinn

  1. El Schwalmo

    @nickpol

    „Natürlich könnte man Komplexität reduzieren, wenn man Schritt für Schritt die Variablen eliminiert, die z.B. zur Herausbildung des Flagellums geführt haben. Man kann nicht hingehen und selbiges abschneiden, damit mindert man zwar die Komplexität, aber das Tierchen stirbt.“

    ‚irreduzibel‘ meint in den genannten Kontexten (Mathematik, Philosophie, Biologie) dass die Komplexität nicht reduziert werden kann, ohne die Funktionalität zu vernichten. Das macht Sinn.

    „Komplexität hat sich über Jahrmillionen entwickelt. Und du weißt das auch El Schwalmo.“

    Ja, aber ich weiß auch, dass bestimmte Systeme nicht mit jedem Evolutionsmechanismus generierbar sind. Nur das war mein Punkt.

    „Also, unter Beachtung der Entwicklungsschritte würde man den Zustand der Einfachheit erreichen können.“

    Natürlich, aber nicht den eines Systems, das die Funktionalität des Endsystems auch nur in Ansätzen aufweist. Falls doch, wäre das Endsystem nicht irreduzibel komplex und dann wäre der Einwand hinfällig.

    „Da man aber nicht alle Verablen kennt, bzw. diese reproduzieren kann, entfällt die Sache.“

    Nein, das Problem bleibt: Wie kann man derartige Systeme generieren? Daran wird geforscht, meines Wissens ist das noch nicht bekannt.

    „War es nicht Behe der im Kitzmiller-Prozess äußerte,dass ID sich in etwa auf Augenhöhe mit der Astrologie befände?“

    Ist etwas komplex. Behe hat sich schlecht verkauft, er hätte alle Chancen der Welt gehabt, den Anwalt blass aussehen zu lassen. Wir hatten in Dover Glück. Es sind ein paar Artikel zu ’10 Jahre nach Dover‘ erschienen (ich habe auch einen für die MIZ geschrieben), manche räumen inzwischen ein, dass Behe mehr Recht gehabt hat als man damals meinte und dass Prozesstaktik und Wahrheitsfindung nicht unbedingt auf einer Ebene liegen müssen.

    „Der Methinks-Algorithmus von Dawkins ist ein gutes Darstellungsmittel, aber auch nicht mehr.

    Das sagte ich ja auch, aber eben auch dafür, dass Irreduzible Komplexität ein Problem für diesen Algorithmus darstellt. Wenn er den Evolutionsmechanismus darstellt, stellt er auch das Problem dar. Wenn andere Programme anders funktionieren, bedeutet das, dass sie auf *anderen* Theorien basieren.

    „Dembski hat den ja auch gleich für sich verbogen, um seine zweifelhaften ID-Argumente begründen zu können.“

    Yepp, er hat sich blamiert, weil er ein Gedöns um ‚latching‘ machte, weil er gar nich kapiert hat, was Dawkins klar war: Evolution ist ein Populationsphänomen. Das Programm hatte das implizit implementiert, weil Dawkins sich in Evolutionstheorie auskennt. Dembski hat gar nicht gemerkt, dass das der Fall war.

    Und Dembski ging noch einen Schritt weiter: Er hat Irreduzible Komplexität anders definiert als Behe. Dann kann nur Bockmist herauskommen.

    „Das [Mensch als Krone der Schöpfung] hat ein Geschmäckle, insofern, dass es teleologisch interpretiert werden kann. Und mit dem Denken, als Unterscheidungsmerkmal wäre ich vorsichtig. Wenn die Schöpfung(Evolution) zu Auschwitz führt fallen mir andere Attribute ein, nur nicht höchste.“

    ‚Höchstes‘ ist hier wertneutral, eine Sekundärtugend sozusagen.

    „Der besagte Artikel ist eine Rezension.“

    Was ich schrieb bezog sich auf das Buch.

    „Unbekannt ob der Rezensent das Buch gelesen hat. Unbekannt ebenso, seine Interpreationen.“

    Ich habe das Buch gelesen, und was ich schrieb basiert auf dieser Lektüre. Ich habe nur konstatiert, dass hier auf Rhonheimer herumgehackt wird, ohne ihn oder seine Argumente zu kennen, und ich finde das unwürdig.

    „Das Verrühren religiöser Weltsicht mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ist unredlich. Mit Kant wissen wir, dass sich Gott nicht im Erfahrungsraum der Menschen befindet, er sich also unserer Erkenntnis entzieht. Jeder Versuch andere Einsichten zu vermitteln ist Stuss, egal ober nun Universalgelehrter oder nicht, dann ist es halt universaler Stuss.“

    Rhonheimer argumentiert primär als Philosoph, und da kann man *beide* Seiten befragen. Also checken, welche Lücken in welchem Weltbild sind. Oder auch untersuchen, ob es Sinn macht, in Evolution ein Argument für Atheismus zu sehen, oder ob man nicht auch einen Theismus mit Evolution verbinden kann. Das ist nicht mehr als das übliche Vorgehen von Philosophen, und man muss zunächst checken, wie Rhonheimer das konkret macht und welche Argumente er hat, bevor man sich aus dem Fenster lehnt.

    Versteh mich nicht falsch, ich halte wenig bis nichts von Rhonheimers Ansatz. Aber ich konstatiere, dass Rhonheimer sich auf der einen Seite ganz passabel in Evolutionstheorie auskennt (du weißt, dass ich das kompetent einschätzen kann), und er hat Autoren aus dem eigenen Lager sehr treffend kritisiert, weil sie naturalistische Evolutionstheorie unzureichend kritisieren. Dazu kommt, dass er Schönborn die Leviten gelesen hat. So einen Menschen sollte man nicht einfach so aufgrund von Vorurteilen gegen Theisten als inkompetent verdammen. Damit macht man sich selber unglaubwürdig.

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  2. El Schwalmo

    Bitte Vorsicht.

    Rhonheimer ist ein Schwergewicht und er argumentiert in dem Buch aus der Warte eines Philosophen. Ich habe bisher nur das Vorwort und das erste Kapitel gelesen, aber darin wird sehr deutlich, dass man seine Hausaufgaben gemacht haben muss, bevor man über einen Autor urteilt. Ich halte jede Wette, dass sich Rhonheimer in Evolutionstheorie mindestens so gut auskennt wie viele Menschen, die meinen, aus Evolutionstheorie ein Argument für Atheismus ableiten zu sollen.

    Man lese nur im ersten Kapitel was Rhonheimer über Spaemann, Kummer und Kessler schreibt. Das sind die Autoren, die von katholischer Seite aus immer als die Fackelträger der Kritik an der atheistischen Interpretation genannt werden. So kurz und vernichtend wie Rhonheimer hat meines Wissens noch nie jemand diese Autoren kritisiert. Nur nebenbei, Rhonheimer ist der führende Kopf der vatikanischen Akademie. Er bringt die Kritik so auf einen Punkt, wie man das nur tun kann, wenn man sich hervorragend in Philosophie auskennt.

    Daher muss man Rhonheimer vollkommen anders kritisieren als man einen Theologen kritisiert. Nur nebenbei, ein Atheist ist philosophisch mindestens so angreifbar wie ein Theist. Gerade das deutet Rhonheimer in seinem Vorwort an. Wenn man das kritisieren will, muss man das vollkommen anders machen. Der Knackpunkt dabei ist, dass man dabei philosophieren muss. Wem schon auf dieser Ebene die Luft ausgeht, sollte etwas vorsichtig sein.

    Ganz ehrlich, was ‚Yeti‘ hier schreibt, finde ich lächerlich und unglaublich uninformiert. Nur nebenbei, bei Amazon kann man das Vorwort und einen Teil des Buches lesen. Yeti sollte das gelegentlich tun und dann einen zweiten Versuch starten.

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  3. > der renommierte Philosoph, Wissenschaftler und Priester

    „Wissenschaftler“? Theologe, Politik“wissenschaftler“ und Priester. Na toll, der wird sich mit Evolution und so auskennen. Ein wenig später wird er sogar noch als „Universalgelehrter“ betitelt. My ass.

    Rhonheimer soll angeblich versuchen, die Wissenschaft und den Glauben an die Schöpfung, bzw. die „Krone der Schöpfung“ miteinander zu verbinden. Er tut das dann mit Sätzen wie:

    > „Das eigentlich Neue, das die biologische Evolution selbst niemals hervorzubringen imstande war, ist das Leben des Geistes. Es ist irreduzibel, nicht zurückführbar auf biologische Prozesse.“ Das geistige Leben „entzieht sich dem Horizont jeglicher Naturwissenschaft, da es nicht der Natur entstammt, sondern ,von außen‘ … blah … blubb

    Eigentlich hätte ich bei „irreduzibel“ aufhören sollen zu lesen, aber ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Artikel zu lesen.

    > Schließlich müsse die Evolution ein „Ziel“ haben, die Natur könne dies aber nicht kennen.

    Der Typ hat von Evolution aber sowas von gar keine Ahnung.
    Und so einer betrachtet sich als die Krone der Schöpfung.

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    1. Ja, bei irreduzibel fiel mir spontan Michael Behes „irreduzible Komplexität“ ein. Solchen Schwachsinn findet man ansonsten gehäuft bei Wort&Wissen.
      Bei der „Krone der Schöpfung“ liegt das Lustzentrum in der Kanalisation. Was für ein Krönchen.😀

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    2. El Schwalmo

      @nickpol

      „Ja, bei irreduzibel fiel mir spontan Michael Behes „irreduzible Komplexität“ ein.“
      vergiss nicht, dass ‚irreduzibel‘ ein durchaus üblicher Begriff in der Mathematik und Philosophie war, lange bevor Behe sein Konzept formulierte.

      Übrigens ist an Behes Konzept durchaus etwas dran, man kann leicht zeigen, dass es die Art und Weise, wie sich Dawkins Evolution vorstellt, widerlegt. Dazu muss man nur in dem ‚Methinks‘-Programm im Blind Watchmaker ein paar Codezeilen einfügen, so dass Irreduzible Komplexität implementiert wird. Dann sieht man sofort, dass Dawkins vollkommen Recht hat, wenn er schreibt, dass er, wenn er ‚Evolution‘ schreibt, eigentlich ‚Adaptation‘ meint. Denn mit Evolution im Sinn von ‚Entstehung von Neuheiten‘ hat das, was er als Mechanismus vorschlägt, wenig zu tun. Ich habe mich sehr intensiv mit Behe beschäftigt, vor allem mit dessen Kritikern und muss leider sagen, dass sehr viele, darunter auch sehr bekannte, gar nicht verstanden haben, was Irreduzible Komplexität bedeutet, zumindest verwenden sie den Begriff nicht so, wie Behe ihn definierte. Natürlich trägt Behes Ansatz letztlich nicht, einen Schöpfer kann man so auf gar keinen Fall plausibel machen.

      „Bei der „Krone der Schöpfung“ liegt das Lustzentrum in der Kanalisation. Was für ein Krönchen.“
      Vorsicht, nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Der Mensch ist *heute* das höchst entwickelte Lebewesen. Früher waren das andere. Aber, und das ist der Punkt, noch kein Lebewesen vor uns konnte sprechen und denken. ‚Die Natur des Menschen ist die Kultur‘ ist vollkommen korrekt, denn unsere Evolution verläuft tradigenetisch und nicht so wie die unserer Mitlebewesen. Das ist ein Qualitätssprung, kein kontinuierlicher Übergang. Es ist nicht abwegig, uns als ‚Krone der Schöpfung‘ zu bezeichnen, wenn man unter ‚Schöpfung‘ Evolution versteht😉

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    3. Natürlich könnte man Komplexität reduzieren, wenn man Schritt für Schritt die Variablen eliminiert, die z.B. zur Herausbildung des Flagellums geführt haben. Man kann nicht hingehen und selbiges abschneiden, damit mindert man zwar die Komplexität, aber das Tierchen stirbt. Komplexität hat sich über Jahrmillionen entwickelt. Und du weißt das auch El Schwalmo. Also, unter Beachtung der Entwicklungsschritte würde man den Zustand der Einfachheit erreichen können. Da man aber nicht alle Verablen kennt, bzw. diese reproduzieren kann, entfällt die Sache.
      War es nicht Behe der im Kitzmiller-Prozess äußerte,dass ID sich in etwa auf Augenhöhe mit der Astrologie befände?
      Der Methinks-Algorithmus von Dawkins ist ein gutes Darstellungsmittel, aber auch nicht mehr. Dembski hat den ja auch gleich für sich verbogen, um seine zweifelhaften ID-Argumente begründen zu können.
      El Schwalmo

      Der Mensch ist *heute* das höchst entwickelte Lebewesen. Früher waren das andere. Aber, und das ist der Punkt, noch kein Lebewesen vor uns konnte sprechen und denken. ‚Die Natur des Menschen ist die Kultur‘ ist vollkommen korrekt, denn unsere Evolution verläuft tradigenetisch und nicht so wie die unserer Mitlebewesen. Das ist ein Qualitätssprung, kein kontinuierlicher Übergang. Es ist nicht abwegig, uns als ‚Krone der Schöpfung‘ zu bezeichnen, wenn man unter ‚Schöpfung‘ Evolution versteht😉

      Das hat ein Geschmäckle, insofern, dass es teleologisch interpretiert werden kann. Und mit dem Denken, als Unterscheidungsmerkmal wäre ich vorsichtig. Wenn die Schöpfung(Evolution) zu Auschwitz führt fallen mir andere Attribute ein, nur nicht höchste.

      Der besagte Artikel ist eine Rezension. Unbekannt ob der Rezensent das Buch gelesen hat. Unbekannt ebenso, seine Interpreationen. Das Verrühren religiöser Weltsicht mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ist unredlich. Mit Kant wissen wir, dass sich Gott nicht im Erfahrungsraum der Menschen befindet, er sich also unserer Erkenntnis entzieht. Jeder Versuch andere Einsichten zu vermitteln ist Stuss, egal ober nun Universalgelehrter oder nicht, dann ist es halt universaler Stuss.

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