Richard David Precht über die Gegenwart: «Der Philosophie steht eine neue grosse Zeit bevor»


Die Roboterisierung der Welt schreitet immer schon voran: Szene aus Kaliningrad im Jahre 1969. (Bild: Kaspiev / Sputnik / Keystone)
Die Roboterisierung der Welt schreitet immer schon voran: Szene aus Kaliningrad im Jahre 1969. (Bild: Kaspiev / Sputnik / Keystone)

Der deutsche Philosoph Richard David Precht lotet im Gespräch die schmale Grenze zwischen Tief- und Schwachsinn aus und erörtert, wozu das Nachdenken übers Leben in politischen Umbruchsphasen dient.

Interview von Claudia Mäder | Neue Zürcher Zeitung

Herr Precht, als Medienkonsumentin habe ich den Eindruck: So viel Philosophie war noch nie. In TV- und Radiosendungen, in Online-Foren, Zeitschriften und Bestsellern – überall wird philosophiert. Leben wir in goldenen Zeiten für die Philosophie?

Ja. Gesellschaftliche Krisen- und Umbruchzeiten sind immer gute Zeiten für die Philosophie. Ihre beiden grössten Phasen hatte sie ja einmal in der klassischen Antike, und zwar just in dem Moment, als die attische Demokratie in die Brüche ging, und dann in der Aufklärung. Da ging es darum, den Übergang vom feudalen ins bürgerliche Zeitalter zu gestalten – das wäre ohne die Philosophie gar nicht denkbar gewesen. Und so kann es durchaus sein, dass wir derzeit Vergleichbares erleben und der Philosophie eine neue grosse Zeit bevorsteht.

Jetzt sind wir direkt auf einer beträchtlichen Flughöhe gelandet. In Ihren Büchern, die von der Liebe, dem Egoismus oder dem Umgang mit Tieren handeln, geht es ja vorab um konkrete lebensweltliche Fragen. Steht da nicht eher das Bedürfnis nach persönlichem Sinn als das Interesse an gesellschaftlicher Umgestaltung hinter dem Erfolg?

Bei der Sinnsuche kann ich gewiss niemandem behilflich sein! Mein Buch über das Bildungssystem zum Beispiel dreht sich sehr konkret um die Frage, wie man eine gesellschaftliche Struktur aufbricht, die dringend revolutioniert werden muss. Bildung ist ja übrigens ein klassisches Thema der Aufklärung – über genau diesen Gegenstand haben auch die damaligen Philosophen sehr intensiv nachgedacht. Und was die Titel angeht, die Sie ansprechen, so schreibe ich die nie in therapeutischer Absicht; die Philosophie ist keine Problemlösungsinstanz. Ich versuche lediglich, in gewissen Themenkomplexen etwas aufzuräumen und den Lesern Wege zu weiterführenden Gedanken zu weisen.

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