Demokratien mögen keine Tatsachen


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Wer das postfaktische Zeitalter ausruft, verklärt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch den Grundcharakter unserer Staatsform. Sie lebt von der Überredung, nicht von der Wahrheitsfindung

Von Alexander Grau | Cicero

In der Demokratie geht es nicht um die Wahrheit, sondern um gefühltes Wissen. Oder gleich um Ideologie. Das war bei den alten Athenern so, das ist in den modernen Massendemokratien nicht anders.

Das Gerede von den postfaktischen Zeiten, populär geworden ausgerechnet durch die Bundeskanzlerin und vergangene Woche durch die Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres nobilitiert, ist also Unfug. Denn wann bitte, haben wir jemals in faktischen Zeiten gelebt?

Es ist ein populärpolitologischer Grundirrtum, anzunehmen, Demokratien seien in irgendeiner Form wahrheitsaffiner als andere Staatsformen. Das sind sie natürlich nicht. In der Demokratie geht es darum, Mehrheiten zu organisieren. Entsprechend lebt sie von der Überredung, von der Rhetorik und nicht von der Wahrheitsfindung.

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