Religion und Utopie: „Das verheißene Heil geht in Erfüllung“


Figurengruppe an der Hauptfassade der Katholischen Kirche St. Fidelis in Stuttgart: Die Attribute dieser vier Engel sind Buch, Tamburin, Laute und Lyra. (dpa / picture alliance / Benjamin Beytekin)
Figurengruppe an der Hauptfassade der Katholischen Kirche St. Fidelis in Stuttgart: Die Attribute dieser vier Engel sind Buch, Tamburin, Laute und Lyra. (dpa / picture alliance / Benjamin Beytekin)
Die Weltreligionen bieten verschieden ausgearbeitete Utopien, versprechen aber alle eine Belohnung für den Bund Gottes mit dem eigenen Volk. Grundlegende Defekte der Gesellschaft, wie die Gemeinschaft sie jetzt erfahre, seien dann nicht mehr vorhanden, sagt der Religionswissenschaftler Hans G. Kippenberg.

Hans G. Kippenberg im Gespräch mit Kirsten Dietrich | Deutschlandradio Kultur

Kirsten Dietrich: Auch auf der Insel Utopia mit ihrer perfekten Gesellschaft, wie sie Thomas Morus in seinem epochemachenden Werk beschreibt, glauben die Menschen etwas. Allerdings ist die Religion der Utopier perfekt, wie alles auf Utopia – und deswegen eine rationale, am größtmöglichen Nutzen orientierte Vernunftreligion. Das gerade Gegenteil von dem allerdings, wie sich Religion in ihren verschiedenen Ausprägungen über die Jahrhunderte präsentiert. Perfektion im Diesseits oder perfektes Leben bei Gott – Religion und Utopie scheinen zwar nahe beisammen zu liegen, ihr Verhältnis ist aber durchaus kompliziert.

Ich habe vor der Sendung mit Hans G. Kippenberg gesprochen, einem der renommiertesten Religionswissenschaftler Deutschlands. Der schwierige Vergleich zwischen religiösen Themen war eines seiner Forschungsthemen, religiös motivierte Gewalt ein anderes. Ich wollte von Hans Gerhard Kippenberg wissen, wie das zusammengeht: Religion und Utopie.

Hans G. Kippenberg: Die Frage nach dem Zusammenpassen ist eine, eine andere Frage ist die nach den Ursprüngen beider. Religion ist ja eine sehr alte Erscheinung der Menschheitsgeschichte und bekommt insbesondere ihre Struktur in Vorderasien. Utopie ist etwas, was erst zur Zeit der Griechen auftaucht, und zwar als der Historiker Herodot vorderasiatische Völker beschreibt und nun nicht mehr davon ausgeht, dass die griechischen Institutionen überlegen sind, sondern erkennt: Es gibt Völker, die haben eine abweichende Institution, abweichende Kultur, legen weniger Wert auf Profitdenken wie die griechische Gesellschaft, die sehr stark auf Vermehrung von Reichtum angelegt ist, und die im Geschlechterverhältnis ganz anders verfahren, nämlich die Frauen haben größere Autorität als die Männer. Das ist die Utopie. Er beschreibt fremde Völker jeweils unter dem Gesichtspunkt des Bezugs auf das Eigene, und die Unterschiede, die er erkennt, bedeuten für ihn nicht eine Überlegenheit der griechischen Kultur, sondern etwas, was andere Völker den Griechen voraus haben.

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