„Wir Juden waren Jahrhunderte lang eure Hottentotten“


Die Nachbildung eines neunarmigen Chanukkaleuchters schmückt die Wand in einer Talmud-Tora-Schule (dpa / picture alliance / Jens Ressing)
Die Nachbildung eines neunarmigen Chanukkaleuchters schmückt die Wand in einer Talmud-Tora-Schule (dpa / picture alliance / Jens Ressing)
Der Journalist Gerald Beyrodt feiert am Sonntag Chanukka und ein bisschen Weihnachten. Aber zu viel Harmonie zwischen Christen und Juden kommt ihm unehrlich vor. Europa sollte mit der Selbsttäuschung aufhören, dass es „quasi aus sich heraus so wahnsinnig tolerant wäre“, sagte Beyrodt im DLF.

Gerald Beyrodt im Gespräch mit Christiane Florin | Deutschlandfunk

Christiane Florin: Machen wir den Praxistest für christlich-jüdische Leitkultur: Wie viele Ihrer nicht-jüdischen Bekannten wissen, wann Chanukka ist?

Gerald Beyrodt: Das wissen eigentlich die Wenigsten, was Chanukka bedeutet, was die Hintergründe sind. Das ist den meisten völlig unbekannt. Was schon passiert ist, dass Leute einem den entsprechenden Gruß wünschen. „Chanukka sameach“ ist nicht so bekannt, aber dass jemand „Happy Chanukka“ sagt, das passiert schon mal.

Florin: Was wird Chanukka gefeiert?

Beyrodt: Die Geschichte von Chanukka spielt im zweiten Jahrhundert vor der Zeitrechnung. Da war das Land von den Griechen besetzt, die Beschneidung war zum Beispiel verboten – so lange geht also die Beschneidungsdebatte schon. Die allergrößte Kränkung war: Im jüdischen Tempel wurden fremde Götter verehrt. Da gab es dann einen jüdischen Kämpfer – Judah Makkabi –, er und seine Leute haben das Land von den Griechen befreit. Das war eine Art Bürgerkrieg – auch ein Kampf übrigens, gegen die angepassten Juden. Ganz wichtig an Chanukka ist das Ölwunder im Tempel. Für die Menorah, die ewige Lampe im Tempel, war nur noch Öl für einen Tag da und man braucht aus irgendwelchen Gründen acht Tage, um neues, koscheres Öl ranzuschaffen. Das Ölwunder von Chanukka bestand eben darin, dass dieses Öl für einen Tag dann doch acht Tage lang gehalten haben soll. Deshalb isst man an Chanukka auch Speisen, die in Öl gebacken werden, also Kartoffelpuffer und Krapfen. Man hat auch diesen Chanukka-Leuchter, den habe ich Ihnen mal mitgebracht. Da sehen wir einen Leuchter für acht Kerzen und nebendran eine Kerze, die so ein bisschen weiter weg ist. Das ist der sogenannte „Diener“ oder „Schamasch“, der ist dazu da, um die anderen zu entzünden. Also, man erinnert mit diesen acht Kerzen an die acht Tage von Chanukka. Und am ersten Tag von Chanukka brennt auch nur eine Kerze, am zweiten Tag zwei Kerzen und so fort. Jüdische Sportvereine heißen in Erinnerung an Chanukka gern „Makkabi“. Etwas schockiert hat mich im jüdischen Tischgebet, was man an Chanukka betet – also, unsere Gebete sind so ein bisschen veränderlich –, da bedankt man sich auch für die Kriege, die Gott für uns geführt habe.

weiterlesen