Guter Erdogan, böser Erdogan: Ein Perspektivwechsel


erdoganFür die einen ein glorifizierter Heilsbringer, für die anderen ein übler Diktator. Weshalb polarisiert der türkische Staatspräsident so sehr?

Von Gerrit Wustmann | TELEPOLIS

Recep Tayyip Erdogan: Der türkische Staatspräsident ist eine polarisierende Figur. Einerseits schart er Anhänger um sich, die ihn glühend verehren, die bei seinen Auftritten kollektiv verkünden, dass sie bereit sind, für ihn zu sterben, und die seine radikale Politik als demokratisch gerechtfertigt verstehen – immerhin haben sie ihn ja gewählt und die anderen nicht. Also sollen sie sich nicht beschweren.

Westliche Beobachter sowie die türkische Opposition hingegen haben eine andere Wahrnehmung. Sie sehen einen Staatspräsidenten, der seit seiner Wahl gegen die eigene Verfassung regiert, Kritiker verhaften lässt, die Gewaltenteilung aufhebt, Presse- und Meinungsfreiheit abschafft und einen Polizeistaat errichtet, in dem Angst und Willkür regieren. Mit anderen Worten: Erdogan ist ein Diktator. Sein Abschied von demokratischen Strukturen wirkt wie ein musterhaftes Lehrbuch-Beispiel. Wer das offen ausspricht, gilt bei Erdogans Anhängern rasch als Vaterlandsverräter.

Aber wie kommt es zu dieser Verehrung, zu dieser mitunter bedingungslosen und kritiklosen Ergebenheit? Vielleicht kann der Versuch eines Perspektivwechsels helfen. Wenn man Erdogans Anhänger und Wähler fragt, was sie an ihrem Präsidenten so schätzen, erhält man oft sehr ähnliche Antworten. „Vergleiche die Türkei heute mit der Türkei von vor fünfzehn Jahren“, ist so ein Satz. Ein anderer: „Erdogan hat die türkische Wirtschaft wieder stark gemacht.“ Oder: „Im Gegensatz zu den Kemalisten nimmt Erdogan uns ernst. Er ist einer von uns.“

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