Philosoph Michael Schmidt-Salomon: „Religionsfreiheit ist kein Freibrief“


foto: picturedesk / action press / georg hilgemann Menschen, die in Europa leben wollen, müsste vorher klargemacht werden, was das bedeute, sagt Michael Schmidt-Salomon. Etwa dass sich die Religionen hier dem Gesetz unterordnen müssen. Wer das nicht wolle,
foto: picturedesk / action press / georg hilgemann Menschen, die in Europa leben wollen, müsste vorher klargemacht werden, was das bedeute, sagt Michael Schmidt-Salomon. Etwa dass sich die Religionen hier dem Gesetz unterordnen müssen. Wer das nicht wolle, „wird sein Exil außerhalb Europas suchen“.
Michael Schmidt-Salomon, Philosoph und Religionskritiker, über die Bedrohung der offenen Gesellschaft, die Grenzen der Toleranz und das Konzept „Abschreckung durch Freiheit“

Interview Lisa Nimmervoll | derStandard.at

STANDARD: Ihr aktuelles Buch heißt „Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen“ (Piper). Wer sind denn derzeit die gefährlichsten Feinde der offenen Gesellschaft?

Michael Schmidt-Salomon: Die offene Gesellschaft – sie orientiert sich an den Prinzipien der Freiheit, Gleichheit, Individualität und Säkularität – wird heute vor allem durch Islamisten und Rechtspopulisten bedroht. So unterschiedlich ihre Ziele auch sind, haben doch beide Bewegungen eine große Gemeinsamkeit: Sie wollen das Rad der Geschichte zurückdrehen und vormoderne Dogmen an die Stelle individueller Freiheitsrechte setzen. Dagegen müssen wir uns mit aller Entschlossenheit zur Wehr setzen.

STANDARD: Wie soll eine moderne, säkulare, demokratische Gesellschaft damit umgehen, dass sie nicht zuletzt durch den starken muslimischen Flüchtlingszuzug immer öfter bestimmte religiöse Forderungen „integrieren“ soll – oft unter dem Credo Religionsfreiheit?

Schmidt-Salomon: Zunächst muss man in diesem Zusammenhang feststellen, dass Religionsfreiheit selbstverständlich kein Freibrief zur Verletzung individueller Grundrechte ist. Der weltanschaulich neutrale Staat muss hier unmissverständlich klarmachen, dass die für alle geltenden Normen auch für Religionsgemeinschaften bindend sind. Unter gar keinen Umständen darf er den Eindruck erwecken, dass die Religionen in irgendeiner Weise über dem Gesetz stünden. Auf diesem Gebiet sind in den letzten Jahren leider schwerwiegende Fehler gemacht worden.

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