Muslime seien im Diesseits „wandelnde Sterbliche“, das erklärt einiges


Hassan Dyck © iQ
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Der Tod ist für viele Menschen nach wie vor ein unangenehmes Thema. Wieso das schon immer so war und warum Muslime im Diesseits „wandelnde Sterbende“ sein sollten, erklärt Scheich Hassan Dyck im Interview.

Interview Ali Mete | IslamiQ

IslamiQ: Es gibt nur wenige Dinge, in denen sich die Menschheit einig ist. Das Faktum des Todes ist eines davon. Trotzdem ist in der heutigen modernen Zeit der Tod weit weg vom Alltag. Ist das menschlich?

Scheich Hassan Dyck: Je mehr man sich des Todes bewusst ist, desto besser ist das Leben. Ich trage einen Turban auf dem Kopf, der zugleich auch mein Leichentuch ist. Im Falle meines plötzlichen Todes kann ich in ihm eingewickelt und begraben werden, wenn es nicht anders geht. Wichtiger aber ist: Durch das Leichentuch ist der Tod mein ständiger Begleiter. Immer wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich das Leichentuch auf meinem Kopf.

Der Prophet hat empfohlen, dass man jeden Tag über den Tod nachdenken soll. Wenn man nicht mehrmals täglich an den Tod denkt, dann ist der Glaube zu schwach. Er wird erst stark, wenn wir unter Druck stehen, wobei der Tod der größte Druck ist. Deswegen gibt es viele Menschen, die, wenn sie krank oder kurz vor dem Sterben sind, ihre höchsten spirituellen Erfahrungen erleben. Doch wenn sie wieder gesund sind, dann vergessen sie diese Erfahrung wieder und geben sich dem Weltlichen hin.

Der moderne Mensch ist geprägt von dem Wunsch nach Freiheit. Er vergisst, dass er ohne himmlische Hilfe nur durch materielle Dinge niemals Frieden und Rettung finden wird. Mit der Freiheit ist aber nichts anderes gemeint als die ungezügelte, grenzenlose Freiheit des Egos. Die Auswüchse einer maßlosen Ratio sehen wir heute. Wenn das Ego ungezügelt ist, frisst es sich irgendwann selbst auf. Es zerstört sich selbst.

Alle Religionen sind ursprünglich gekommen, um das zu verhindern. Ihr Ziel war es, das Ego zu zügeln, vor allem durch die Erinnerung an den Tod, das Jenseits und die Vergänglichkeit. Die meisten Religionen haben sich aber inzwischen mit dem modernen Menschen abgefunden und versuchen zu überleben. Die Ausnahme ist der Islam. Er hat die Kraft, sich der Verherrlichung des Egos entgegenzustellen. Dieser Widerstand ist auch der Grund, weshalb am Ego orientierte den Islam ablehnen.

Die Hingabe der Menschen zum Weltlichen und die ihre Unterordnung unter ihr Ego lässt sie in „Gafla“ (Unachtsamkeit) verharren. Was uns wieder zur Achtsamkeit zwingt, ist die Aussicht auf den Tod. Deswegen hat der Prophet auch gesagt: „Stirb, bevor du stirbst.“

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