Wir sind alle zum Tantalus-Komplex verurteilt


Tantalus von Gioacchino Assereto (Ausschnitt). Tantalus_Gioacchino_Assereto_circa1640s.jpg:Bild: Landesmuseum Joanneum, Graz/gemeinfrei
Tantalus von Gioacchino Assereto (Ausschnitt). Tantalus_Gioacchino_Assereto_circa1640s.jpg:Bild: Landesmuseum Joanneum, Graz/gemeinfrei
Unter den vielen Komplexen, denen der heutige Mensch zum Opfer fällt, gibt es einen, der vielleicht mehr als die anderen den Sinnhorizont (oder den Unsinnhorizont) der heutigen Konsumgesellschaft ausmacht.

Von Diego Fusaro | TELEPOLIS

Das ist der Sinn, den ich Tantalus-Komplex nennen möchte. Gemäß einer schönen Darstellung der griechischen Metaphysik des „richtigen Maßes“ ist die Strafe, die die Götter gegen den König von Lydien verhängen – die unbegrenzte Unfähigkeit, seinen Durst zu stillen -, heute unsere unbedachte und natürliche Art zu leben und zu produzieren geworden – in Form einer „schlechten Unendlichkeit“ (Hegel) zu Lasten des Planeten und des menschlichen Lebens.

Für die Griechen war Tantalus‘ Strafe abscheulich. Und somit eine Warnung an die Sterblichen, einen sicheren Abstand zu den verlockenden Sirenen des Unbegrenzten, des Immer-mehr, des Exzesses zu wahren.

Für uns postmoderne Menschen wird das hingegen zur alltäglichen Szene: Wir alle sind wie Tantalus, immer auf der irrsinnigen Suche nach neuen Produkten, neuen Waren, neuen Konsumgütern, die im Verbrauch verschwinden, um im Umlauf wieder aufzutauchen.

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